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Als Frau K. ihr inneres Kind suchen sollte

Frau K. fand es schwierig, sich an ihre Kindheit zu erinnern, oder gar ein inneres Kind in sich zu finden, denn Frau K. war bereits als Frau K. auf die Welt gekommen. Sie hatte sich schon sehr früh für Erwachsenendinge interessiert und fand es empörend, dass man sie zeitweise ausschloss, weil sie noch „zu klein“ sei. Kurzerhand hatte sie sich dann einen Schemel geholt, ihn vor die verschlossene Tür gestellt und durch das Schlüsselloch gestarrt. 
Man nannte Frau K. damals auch „Das Auge“, weil sie die Erwachsenen mit scharfen Blicken verfolgte und sie zurechtwies, wenn etwas nicht ordnungsgemäß verlief. Schriftliche Überlieferungen belegen, dass es Frau K. war, die im zarten Alter von 2 Jahren eine heimliche Affäre aufdeckte. Als man sie fragte, ob sie einen schönen Nachmittag mit ihrer Babysitterin Elsa verbracht habe, hatte die kleine Frau K. eifrig genickt und gesagt: „Der Herr Neger war auch da!“ Herr Jäger wohnte im Nachbarort, war verheiratet und ein Freund der Familie. „Er hat Elsa ein Küsschen gegeben, aber nicht auf die Backe. Auf den Mund!“ so berichtete die kleine Frau K. Dabei blickte sie keineswegs unschuldig drein, sondern mit moralisch hochgezogenen Augenbrauen. 

Dass sie einen Kindergarten besuchen sollte, konnte sie nur akzeptieren, weil sie sich selbst als Aufsichtsperson verstand. Frau K. konnte bereits mit 5 Jahren sehr streng mit Erwachsenen, also ihresgleichen, sein, wohingegen sie bei den Kindern alles durchgehen ließ und sie beschützte und notfalls sogar mit einem Wutanfall und heftigem Bodenstampfen Gerechtigkeit einforderte. 
Frau K. sah sich von Geburt an in der Verantwortung. Die Erwachsenen fürchteten diese kleine Frau K., die mit nichts hinterm Berg hielt. Sie äußerte ganz unverblümt, wenn jemand Mundgeruch hatte oder dummes Zeug quatschte. „Nimm deine Pfoten weg und geh zu deiner Arbeit!“, sagte sie mit strengem Tonfall zu einem Onkel, der dabei war, Frau K.´s Bruder das Daumenlutschen abzugewöhnen, indem er ihm Senf auf die Finger streichen wollte. 
Frau K. sorgte für Ordnung, weil es die sogenannten Erwachsenen nicht taten. Es war mühsam, aber befriedigend. 
Frau K. hatte deshalb beim besten Willen keine Zeit, Kind zu sein oder eines in sich zu suchen.

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