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Nachlass(en) - Wie der Schmerz sich wandelt




Was bleibt, wenn wir diese Welt verlassen? So viele Dinge, die uns lieb waren, Dinge, die wir täglich verwendet haben, Dinge, die wir selbst kreierten, mit denen wir unsere Umgebung verschönerten und dem Alltäglichen etwas Besonderes verliehen. Wenn die Seele den Körper verlässt, verlässt sie auch alle Habseligkeiten. Manche Dinge, die der verstorbenen Person gehörten, gehen plötzlich kaputt. Die Energie, so habe ich das Gefühl, wird ihnen entzogen, sobald sich niemand mehr um sie kümmert. Das Materielle ist für den, der gegangen ist, bedeutungslos geworden. - Nicht aber für die Hinterbliebenen. Zumindest einige Dinge nicht. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir mit den Gegenständen nicht nur Materielles erben, sondern auch all das, was man nicht sehen kann. Geld und Haus, Land und Hof, Schmuck und Kleider tragen ein Stück der Geschichte in sich, sind gewissermaßen "beseelt" von der Person, die sie benutzte. 
Einen Nachlass zu betreuen, stelle ich jetzt fest, bedeutet auch, dass etwas "nachlässt". Die Dinge, die ich anfasse, die in sich Erinnerungen bergen, sorgen dafür, dass der Schmerz nachlässt, und zwar in genau dem Moment, wenn ich den Gegenstand neu zuordne, ihm einen neuen Platz gebe. Wenn ich mich der Erinnerung stelle und sie zugleich loslasse und damit freigebe, was der Gegenstand noch in sich trägt, werde auch ich frei von dem was weh tut.
Als meine Mutter starb, wenige Minuten vor Mitternacht, blieb die Uhr stehen. Es war eine Funkuhr, weshalb sie wie verrückt rotierte, sich aber nicht neu einstellen konnte. Es war die Uhr, auf die meine Mutter am meisten geschaut hatte. Sie funktioniert inzwischen wieder, die Batterie ist noch dieselbe, aber sie zeigt nun an einem neuen Ort die Zeit an.
Und so ist es mit allen anderen Dingen, die mich an meine Mutter erinnern und die nun einen neuen Platz gefunden haben. Seien es ihre Bilder, ihre Kleider oder Töpfe. Vieles fand ein neues Zuhause, bei mir oder befreundeten Personen, Verwandten, Bekannten. Die Dinge sind nun nicht mehr Teil meiner Mutter, sondern ein Gruß, eine Erinnerung mit einer neuen Zuordnung. Die Resonanz der neuen Besitzer verleiht den Dingen wieder Lebendigkeit und Sinnhaftigkeit. Sich um einen Nachlass zu kümmern bedeutet für mich Wertschätzung. Wertschätzung nicht nur der Verstorbenen gegenüber, sondern auch Wertschätzung an das gelebte Leben überhaupt.
Ich kann nicht sagen, dass es leicht war, all diese Dinge in die Hand zu nehmen. "Warum tu ich mir das an?", fragte ich mich immer wieder. Aber es gibt keinen anderen Weg, frei zu werden, als den einen: Es in die Hand zu nehmen, jedes einzelne Stück das den Weg meines Schmerzes kreuzt.

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