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Abstand nehmen, dankbar sein

                     

Dass wir in diesen Tagen auf Abstand gehen, nur noch das Nötigste außer Haus erledigen und unsere Begegnungen mit anderen Menschen auf virtuelle Art oder per Telefon beschränken müssen, ist, so beobachte ich es, für einige eine Herausforderung. Nicht nur die Angst vor dem Virus, sondern auch Existenzängste verunsichern die Menschen. Ist uns klar, dass wir trotz allem auf hohem Niveau jammern? 
Im Supermarkt stand ich vor einem vollen Regal mit Toilettenpapier. Jemand sagte: „Das ist ja das Paradies: ein ganzes Regal Toilettenpapier!“ Ich schaute mich zu der Person um. Sie hatte es ernst gemeint. Ein Mann stand daneben und meinte: „Na, und wenn keines mehr da ist, kann man es immernoch auf die syrische Art machen.“ Im arabischen Raum ist es nämlich üblich, sich den Po mit einem Wasserschlauch zu säubern. Der Mann war Syrer. Auf dem Nachhauseweg überlegte ich, wie es ihm wohl gehen muss, wenn er hierzulande die Menschen erlebt, die wegen Klopapier und Hausarrest in Panik geraten. Er, der sein Land in Schutt und Asche lassen musste, der Krieg und Bombenhagel erlebt hat. Ich dachte an die Geflüchteten in Griechenland und der Türkei, die seit Monaten in Zelten ausharren müssen und ein Ende dieser Situation kaum in Sicht ist!
Es ist gut, Einschränkungen zu erleben, damit man später wieder wertschätzen kann, was selbstverständlich war. 
Abstand nehmen sollte man auch von den vielen unseriösen Ratschlägen, die einen auf Whatsapp und per mail zumüllen. Ich nehme ebenfalls Abstand von pseudosolidarischen Aufrufen wie „Klatschen auf dem Balkon für die großartigen Pfleger, die so viel leisten“. Diese Menschen brauchen nicht unseren Beifall, sondern vor allem ein höheres Gehalt. Dafür können wir uns stark machen! Ich habe die Petition für das Bedingungslose Grundeinkommen bereits unterschrieben: Grundeinkommen 
Ebenso nehme ich Abstand von merkwürdigen Verschwörungstheorien und auch von Aufrufen zu einer weltweiten Meditation zu einer ganz bestimmten Zeit.
Wir alle können immer und zu jederzeit beten oder meditieren. Es ist dem Göttlichen egal, ob wir das allein oder zu vielen machen, es wird mit vielen nicht mehr oder besser oder wirksamer. Gott kennt nicht Raum und nicht Zeit. Ich nehme es mit Martin Buber: Meine Beziehung zu Gott ist wichtig. In der Resonanz zum Göttlichen wirkt die Kraft und die Zuversicht. 
Vielleicht finden wir in diesen Tagen wieder mehr zu uns selbst, zu dem, was wirklich wichtig ist. Die meisten unter uns haben noch niemals Krieg erlebt, nie Hunger leiden müssen. Unsere Ängste sind größtenteils fantasiert. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft etwas aus der momentanen Situation lernen. Dass wir es gut überstehen und ganz neu anfangen können mit Wertschätzung, Dankbarkeit und der Demut, zu wissen, dass alles was uns Gutes widerfährt, nicht selbstverständlich ist.