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Die Besonderheit der Pflanzenwesen


Es ist nicht lange her, da habe ich an einer Wildkräuterführung teilgenommen. Da ich nun schon seit Jahren mitten auf dem Land lebe und um mich herum alles mögliche wächst, von dem ich nicht weiß, was es eigentlich ist, vom Löwenzahn und Gänseblümchen mal abgesehen, war ich sehr neugierig.
Ein kleines Abenteuer war schon der Ort, an dem sich die Gruppe treffen sollte. Denn die beiden Wildkräuterfrauen, die dazu eingeladen hatten, kundschaften zuvor die besten Orte aus, wo gerade die vielfältigsten Pflanzen wachsen.
Überraschenderweise befand ich mich schließlich auf einem Gelände, unterhalb einer Fußgängerunterführung, mit Schotter und Kies und jeder Menge Brennesseln. Ich konnte mir nicht recht vorstellen, was hier besonderes wachsen sollte. Doch schon nachdem uns die Brennessel als entschlackende Heilpflanze vorgestellt wurde, deren Blätter man wie Spinat zubereiten kann, ging es weiter über einen kleinen Hügel und eine wunderschöne, wildromantische Landschaft tat sich auf: Ein Fluss mit sandigem Strand glitzerte in der Abendsonne und es wuchsen dort meterhohe Wildpflanzen, die, wie ich jetzt weiß, märchenhafte Namen wie "Wilde Möhre" "Goldrute" "Feinstrahl" "Artemisia" "Natterkopf" "Gänsefinger" "Mädesüß" und "Blutweiderich" trugen. 
Jede einzelne Pflanze wurde uns vorgestellt, als wäre sie eine Persönlichkeit. Und jede einzelne bekam für mich damit einen Charakter, wenn ich hörte, was sie bewirken kann, wozu sie anzuwenden ist, was ihre Aufgabe ist. So kam es, dass ich am nächsten Tag, als ich bei mir aus dem Haus trat, die Landschaft völlig neu wahrnehmen konnte. Auf dem Fahrrad fuhr ich ins Dorf und sah sie alle am Wegrand stehen: Die Wegwarte, den Spitzwegerich, den Wasserdost, den Braunwurz, das Mädesüß und den Beifuß, also Artemisia. Eine ganz neue Qualität tat sich auf: Ich bin umgeben von Heilpflanzen! In meinem Garten wächst eine Nachtkerze. Jeden Abend nehme ich nun sehr bewusst wahr, wenn sie ihre Blüten öffnet und strahlend gelb in der Dämmerung leuchtet.
Natürlich habe ich sie auch früher schon gesehen. Aber ich habe sie nicht so geachtet, wie ich es jetzt tue.
Auf einer kleinen Radtour sammelte ich einen Strauß Wildkräuter und steckte sie zu einem Kranz zusammen. Das war vor über einer Woche. Der Kranz war mit mir auf Reisen zu einem Seminarort. Von dort habe ich ihn wieder zu mir nach Hause mitgenommen und er ist noch immer nicht vertrocknet.
Mir kam der Gedanke, dass es uns auch mit den Menschen so geht: Wir nehmen sie zwar wahr, all die Menschen in unserem Alltag, aber richtig wertschätzen, wirklich beachten und anerkennen können wir sie erst, wenn sie uns vorgestellt werden, wenn sie sich uns zeigen, als die, die sie sind mit all ihren Besonderheiten und Charaktereigenschaften. 

Was für eine Pflanze bist du? Wo wächst und gedeihst du? Was hast du zu geben?