Datenschutz und Impressum

Was Greta uns lehren kann


Als ich neulich ein Foto von Greta Thunberg und Jane Goodall sah, hat mich das so mit Wohlwollen erfüllt, dass ich es zeichnen wollte. Die beiden sehen sich an wie Großmutter und Enkelin, zwei Komplizinnen, zwei, die sich verbündet haben. Und während ich da so vor mich hin malte, machte ich mir Gedanken dazu, was es wohl mit Greta auf sich hat.

Greta ist völlig anders, als alle Mädchen ihres Alters. Mit 16 Jahren sieht sie aus wie 13, sie ist nicht geschminkt, trägt altmodisch geflochtene Zöpfe und selbstgestrickte Wollmützen. Sie ist das Gegenteil von einer Marketing-Influencerin, obwohl sie durchaus Influencerin ist, also Einfluss ausübt. Als derzeit bekannteste Klimaaktivistin teilt sie unsere Gesellschaft in diejenigen, die dieses junge Mädchen enthusiastisch feiern und diejenigen, die sie als "gehypt" bezeichnen, also überbewertet und im Grunde bedeutungslos.
Nein, bedeutungslos ist Greta nicht. Sie ist jemand, der uns nicht nur in Sachen Klimaschutz etwas vorleben kann.
In einem unserer letzten Vorträge über Inklusion sprachen Nils Jent und ich darüber, dass alle Menschen eine grundlegende Erfahrung im Leben teilen: nämlich die, dass wir etwas bewirken können. Der erste selbständige Schritt in unserem Leben, das erste Wort, das wir sagen konnten, hat uns die Erfahrung gebracht, wie es ist, einwirken zu können. Es ist ein geradezu euphorisches Gefühl.
Leider wird das später mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, nicht zuletzt durch die Schule, die weitgehend das Selberdenken verdrängt. Immernoch leben wir in hierarchisch geprägten Systemen, in denen die "Besserwisser" bestimmen und es kein Miteinander gibt, eher ein Gegeneinander, ein Be- und Entwerten, ein System der Anpassung an den Stärkeren.
Nun kommt Greta daher. Eine unscheinbare Person, noch dazu mit einem Asperger Autismus, den man hierzulande als eine "Behinderung" bezeichnet. Mit ihrer Beharrlichkeit und der Resistenz gegenüber dem, was andere von ihr halten, denken oder sagen, tut sie einfach, was sie für nötig hält. Ihre sogenannte Behinderung ist in dem Fall eine Befähigung, wie sie es selbst ausdrückt (Interview mit Anne Will). Der Asperger Autismus lässt sie fokussiert bleiben. Es ist anzunehmen, dass sie damit auch geschützt ist vor allen möglichen Verlockungen, die ein schneller Ruhm mit sich bringt.
Warum konnte Greta so viele Jugendliche, aber auch erwachsene Menschen für sich einnehmen? 
Als Greta sich ganz allein vor den schwedischen Reichstag setzte um zu streiken, bewirkte sie etwas. Andere Kinder und Jugendliche blieben davon nicht unbeeindruckt, sie sahen: Es ist möglich, dass jede/r etwas bewirken kann. Wenn wir spüren, dass wir etwas bewirken können, motiviert uns das.
Wenn sich jetzt Politiker/innen dazu aufraffen könnten, diese Jugendlichen einzubeziehen, sie zu inkludieren, sie ernst zu nehmen und teilhaben zu lassen, dann wäre die Chance gegeben, dass wirklich etwas in Bewegung geraten könnte, das uns allen als Gesellschaft von Nutzen sein könnte.
Der Schulstreik ist nicht nur ein Streik für den Klimaschutz.
Der Schulstreik ist in meinen Augen unbewusst oder bewusst auch ein Streik gegen das herrschende Schulsystem, das Mitbestimmung und Mitgestaltung unterbindet. 
Es ist an der Zeit, anzuerkennen, dass jeder Mensch, ob jung oder alt, behindert oder (scheinbar) nicht behindert, respektiert und in seinen Bedürfnissen ernst genommen werden muss. Ein echtes Miteinander bedeutet nicht gleichgeschaltet in einer einzigen Meinung und Haltung zu agieren, sondern die Verbindungen der unterschiedlichen Potenziale zu finden und etwas neues zu schaffen.
Die Jugendlichen mögen bestimmte Kenntnisse nicht haben, aber sie haben vieles, was wir "Alten" längst verloren haben: Lebendigkeit, Kreativität, Wahrhaftigkeit, Mut und nicht zuletzt Hoffnung.

Keine Kommentare: