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Gestorben ist nicht tot - ein Nachruf


Es gibt einige unter meinen Freundinnen, die etliches älter sind als ich, aber sie war mit Abstand die Älteste. Sie hätte meine Großmutter sein können. Wir trafen uns vor 13 Jahren auf einer Veranstaltung, bei der wir rasch ins Gespräch kamen. 85 Jahre alt war Lise damals. Wir hatten den selben Aphorismus aus einem kleinen Buch ausgesucht: "Tritt hervor mit dem was du kannst. Wir haben auf dich gewartet." 
"Wie schön, dass da noch jemand auf mich wartet." sagte Lise und lächelte. Es entspann sich ein lebhafter Austausch zwischen uns, was es denn sein könnte, worauf die anderen warten. Was ist es, was wir zu geben haben? Womit können wir "aufwarten"? Ich erfuhr, dass sich Lise viel mit der weiblichen Kraft auseinandersetzte, Bücher über Matriarchatsforschung gelesen hatte, Pflanzenkennerin und Naturliebhaberin war, spinnen und weben konnte und sich seit Neustem mit den effektiven Mikroorganismen beschäftigte, mit denen man auf natürliche, biologische Weise düngen konnte, aber auch alles mögliche reinigen konnte. 
Als ich ihr erzählte, dass ich eine Methode entwickelt hatte, bei der man Bewegung und Sprache in eine Einheit bringt und es mir ein Anliegen ist, dass Menschen, und vor allem Frauen, lernen, sich zum Ausdruck zu bringen, hörte sie mit großer Aufmerksamkeit zu.
Lise war immer direkt und unverblümt. Ich lernte durch sie, dass es uns als Frauen nicht stärker macht, wenn wir "süß" sind. Sie dachte schon damals über ihren Tod nach, studierte Bestattungsrituale und überlegte, wie sie gern begraben werden wollte. Das war für ihr Umfeld etwas befremdlich, dennoch war es ihre Art, selbstbestimmt auch die letzten Dinge in die Hand nehmen zu wollen. Ihren Platz auf dem Friedhof hatte sie schon angemietet und ging regelmäßig dorthin um einen Rosenbusch zu gießen. Vielleicht war es das, was sie so lange am Leben erhielt .
Eine Frau wie sie kann man sich schlecht in einem Altenheim vorstellen. Eigenständig und mit sehr klaren Vorstellungen gestaltete sie sich gerade diesen letzten Lebensabschnitt. Vor einem Jahr ließ sie es sich nicht nehmen, zu einer Ausstellung meiner besten Freundin Lone zu kommen. Ihre Tochter fuhr sie dorthin und wir sahen uns ein letztes Mal. Es war uns beiden bewusst. Umso berührender und intensiver war das Treffen. 
Danach telefonierten wir regelmäßig. Jedes Mal, wenn ich anrief, fiel mir ein Stein vom Herzen, wenn ich ihre Stimme hörte! Sie war nach einem Schenkelhalsbruch nun doch in einem Altenheim untergebracht. Und obwohl vieles ihr gegen den Strich ging, lernte sie auch in dieser allerletzten Phase dazu: "Es ist schön, dass ich nicht mehr alles selber machen muss".
Beim letzten Gespräch klang ihre Stimme schwach. Am Schluss sagte sie: "Ich danke dir, Petra! Ich danke dir, dass du mich so an deinem Leben teilhaben lässt. Danke, danke. Das ist so schön." Auch ich bedankte mich, dass sie mir zuhörte und sich von mir zum Lachen anstecken ließ.
Wenige Wochen später, am 9. April, war sie 98jährig gestorben. Ich wollte Blumen zu ihrem Begräbnis mitbringen, aber schließlich ging ich in die Natur und suchte Zweige, Blätter, Steine und Gräser und wand daraus einen kleinen Kranz, umschlungen von einem Band, das Lise selbst gewebt hatte. Es war, als würde sie mir zuraunen, wie ich das machen sollte.
Ich höre noch immer ihre Stimme in meinem Ohr. Es ist, als wäre sie noch da. Denn: Gestorben ist nicht tot. Die Lebendigkeit und Tiefe eines Menschen bleibt in genau der Intensität erhalten, mit der er (sie) sich im Leben zum Ausdruck gebracht hat. Ganz im Sinne von: "Tritt hervor mit dem was du kannst. Wir haben auf dich gewartet!"

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