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Barrierefrei und ohne Schwellenangst

Haben Sie schon einmal einen Nachmittag damit verbracht, Supermärkte, Drogerien und Apotheken abzuklappern, um eine Zahnpastatube zu finden, die sich nur mit dem Daumen öffnen lässt? Sie fragen sich jetzt vielleicht: Wozu? Bisher suchte ich allenfalls nach einer bestimmten Marke, aber nun trat das in den Hintergrund. Egal welche Marke, Hauptsache barrierefrei! Ja, barrierefreie Zahnpastatuben sind Tuben, die mein Freund, der blind und tetraspastisch gelähmt ist, entweder mit seinem Daumen oder mit dem Mund öffnen kann. 


Hand deren Daumen Zahnpastatube öffnet
Es muss eine Tube sein, die einen Klappverschluss hat. Klingt einfach - ist es aber nicht. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht: In der Schweiz und in Deutschland gibt es nur eine einzige Marke, die Tuben mit Klappverschluss führt. Und dieser Verschluss lässt sich nicht auf andere Tuben setzen, dafür stimmt die Größe nicht. 
So ein kleines, einfaches Detail, das meinem Freund ein selbständiges Zähneputzen ohne fremde Hilfe ermöglicht! 

Beim Wort "barrierefrei" denken die meisten von uns an ebene Wege ohne Hindernisse, an Rampen und abgesenkte Gehsteige. Vielleicht fällt uns noch der Fahrstuhl ein oder die schwellenlosen Eingänge zum Supermarkt. Doch was nützt der schwellenlose Eingang, wenn ich als Rollstuhlfahrer keinen Einkaufswagen finde, den ich schieben kann? Wenn in Bekleidungsläden zwar Rampen sind, diese aber zu steil sind, um hochzukommen? Eine behindertenfreundliche Umkleidekabine die zwar genügend Platz bietet, um mit einem Rollstuhl reinzukommen, jedoch ohne Haltegriffe, die es mir als Mensch mit Behinderung erst möglich machen würden, mich umzuziehen? 

Ist es barrierefrei, wenn mein Freund und ich vor einem Aufzug stehen, mit dem wir zwei Stockwerke nach unten fahren wollen, dieser sich öffnet und voll ist mit Menschen, die alle gut zu Fuß sind, kein schweres Gepäck bei sich haben und auch keinen Kinderwagen. Und wenn uns dann diese Menschen mit entsetzten Augen anstarren, diesem Blick, der sagt: "Was, wollen die auch noch hier rein?" und sich der Fahrstuhl wieder schließt, wie ein Theatervorhang nach dem letzten, traurigen Akt und wir zurück bleiben und weiter warten, denn Zeit haben wir doch, oder? 

Die UN Behindertenrechtskonvention besagt, dass alle Menschen mit und ohne Behinderung das Recht haben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Und das geht weit über die Rampen und Schwellen hinaus. 
Wenn ich mit meinem Freund unterwegs bin, erlebe ich mich ebenfalls als behindert, denn wenn das Kino keinen Platz für ihn und seinen Rollstuhl hat, lasse ich ihn bestimmt nicht draußen stehen und gehe allein den Film gucken. Ich bin es, die ihn die Rampe hochschiebt, welche manchmal dermaßen ansteigt, dass nur ein gut durchtrainierter Mann mit entsprechenden Muckis das schafft. 
Als wir einmal spät abends am Bahnhof ankamen, gab es am Bahnsteig keinen Aufzug. Es war dunkel und nirgends war ein Mensch zu sehen. Ich suchte und fand erst über einen langen Umweg zu einer Unterführung mit einer steilen Rampe, die ich auch nach mehrmaligen Versuchen und der, soweit möglich, tatkräftigen Mithilfe meines Freundes nicht schaffte. Mein Freund und ich kannten uns zu dieser Zeit noch nicht lange. Ich war mit dieser Problematik nie konfrontiert gewesen und stand kurz vor der Verzweiflung. Den blinden, im Rollstuhl sitzenden Freund wollte ich nicht im Dunkeln allein lassen, um Hilfe zu suchen - die im Übrigen schwer zu finden gewesen wäre, nachts um 23 Uhr. Ein betrunkener Obdachloser war schließlich die Rettung. Gemeinsam schoben er und ich den Rollstuhl die Rampe hoch. 

Manche Hotels behaupten, barrierefrei zu sein und meinen damit, dass die Eingänge schwellenlos sind und es einen Aufzug gibt. Schaut man jedoch in die Badezimmer, wird man meistens keine Haltegriffe an WC und Dusche finden. Ungehindert auf die Toilette gehen kann man dann als Rollstuhlfahrer einzig auf der öffentlichen Toilette, nicht jedoch auf dem Zimmer. Kaum ein Hotel wirbt ausdrücklich mit barrierefreien Zimmern. Und auch wenn man ein kleines Rollstuhlsymbol unter den Serviceleistungen findet, ist das keine Garantie. Erst auf Nachfrage bekommt man Auskunft, was die Hotelsuche sehr mühsam macht. 

Während ich diesen Text schreibe, benutze ich ab und zu die Vorlesefunktion meines IPads. Wie praktisch, werden Sie denken, so kann auch ein Blinder ein IPad benutzen! Nein, mein Freund kann als Blinder die Apps nicht finden. Aber sein PC liest ihm mit einem besonderen Programm Webseiten und Emails vor. Aufgrund seiner Sprachbehinderung kann er allerdings keine sprachgesteuerten Programme bedienen, muss alles mit einer eigens von ihm erfundenen und für ihn hergestellten Tatstatur eingeben, ohne die er seinen Beruf nicht ausüben könnte. Damit die Webseiten vorgelesen werden können, müssen sie barrierefrei sein. Nicht alles liest das Programm vor. Bilddateien kann es nämlich nicht erkennen. Und Sie glauben nicht, wie viele Dateien er als Bilddatei bekommt. Sogar die UN Behindertenrechtskonvention bekamen wir als PDF Bilddatei zugesandt! 

Mann im Rollstuhl von hinten fährt
einen Gang entlang
Mein Freund ist ein unermüdlicher Kämpfer für die Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Barrierefreiheit. Er lässt es sich trotz aller Mühen nicht nehmen, allein zu wohnen. Bei seinem Wohnungsumbau habe ich miterleben dürfen, an wie viele Details man zu denken hat. Er legt Wert auf schönes Design, was nicht jeder verstehen kann, da er doch blind ist. Doch behindertengerecht wohnen muss nicht bedeuten, dass es aussieht wie in einem Pflegeheim. Da wird ein Haltegriff so formschön gestaltet, dass er auch als Handtuchhalter durchgehen kann - ganz wie in der UN Behindertenrechtskonvention gefordert: Design für alle. 
Wenn rechtzeitig daran gedacht wird, neue Möbel und Geräte so zu bauen, dass es für alle funktioniert, wird Barrierefreiheit in Zukunft nicht teuer sein, sondern eher günstiger, sagt mein Freund, der übrigens promovierter Ökonom ist. 
In einigen Jahren nämlich wird die Zahl der Menschen mit Behinderung drastisch steigen. Denn der überwiegende Teil der Behinderten wird aus alten Menschen bestehen. Allein in meinem persönlichen Umfeld kenne ich drei Personen über 70, die eine Makuladegeneration haben und allmählich erblinden. Diese Personen lernen keine Blindenschrift mehr. Sie sind darauf angewiesen, dass es technische Möglichkeiten geben wird, die ihnen ihre Selbständigkeit noch lange erhalten. Zum Beispiel einen Herd oder eine Mikrowelle, die nicht nur ein Touchscreen hat, sondern eben noch den guten alten Drehknopf. 

Meine bereits blinde 86jährige Freundin rief mich neulich an: "Du, ich hab ´ne neue Brille!" Ich verstand nicht. Wieso braucht eine Blinde eine Brille? "Die Brille hat eine Kamera, die liest mir alles vor!" Wie das genau funktioniert, habe ich noch nicht herausgefunden, aber ich bewundere meine Freundin dafür, dass sie sich auf solche technischen Dinge einlassen kann. 

Würstchenstand mit Tisch und Bänken auf einem Behinderten-
parkplatz
Ich frage mich allerdings auch, ob zu viel Barrierefreiheit eine Gefahr in sich bergen könnte? Wie Sie an meinem Fahrstuhlbeispiel schon sehen konnten, ist der Mensch träge und denkt vor allem an sich selbst und seine eigene Bequemlichkeit. Man freut sich nicht darüber, dass man gesunde, flinke Beine hat und deshalb mit Begeisterung die Treppe, statt den Aufzug benutzen könnte, nein, lieber geht man regelmäßig ins Fitness-Studio. Am Flughafen erlebten wir es, dass eine Rampe komplett belegt war mit Menschen, die es sich dort für ein Schläfchen gemütlich gemacht hatten und auch nicht aufstanden, als wir angerollt kamen. 
Und erst dieser Tage las ich, dass man eine Petition unterschreiben kann, damit Plastiktrinkhalme abgeschafft würden. Doch ohne diese Trinkhalme wären wir in vielen Situationen schon aufgeschmissen gewesen. In meiner Handtasche habe ich immer welche dabei, die wir meist mehrmals benutzen. Mit einem Trinkhalm kann mein Freund barrierefrei und ohne Kleckern trinken. Sie sind eine tolle Erfindung - für die, die sie wirklich brauchen! 
Es geht also bei der Barrierefreiheit auch und vor allem darum, dass wir bewusster werden und unsere Mitmenschen in ihren Bedürfnissen wahrnehmen, uns eben nicht einfach der Bequemlichkeit und Trägheit hingeben. Was brauche ich wirklich und was braucht mein Gegenüber, sollten wir uns fragen. Achtsamkeit heißt Bewusstheit, heißt soziales Miteinander. Es ist noch ein weiter Weg dahin. Doch erste Schritte sind getan. Jeder und Jede von Ihnen kann mithelfen. Meine Beispiele hier sind nur ein Bruchteil von dem, was Barrierefreiheit sein kann. Lernen Sie hinzuschauen, wir zählen auf Sie!

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