Niemand schreibt für sich allein


Maria Almana fragt in ihrem Blog Unruhewerk, warum wir schreiben und ob uns das bei irgendetwas hilft. Hier ist meine Antwort:

Ich bin eine ziemlich leidenschaftliche Person. Zum Schreiben bewegen mich besonders drei Gefühle. Sie sind wie Zündstoff für meine Sprache, die sich dann durch den Wust von erhitzter Wortflut einen Weg sucht, um Ordnung zu schaffen.
Die drei Schreibelixiere heißen Wut, Begeisterung und Liebeskummer.
Mein Schreiben flüchtet sich nie in ausgedachte Welten, vielmehr stürzt es sich in das, was mich im Moment umtreibt. Es dreht und wendet, es zweifelt und verzweifelt, hofft, stellt in Frage, widerspricht sich. Mein aufgebrachtes Herz sucht den Weg zum Verstand, der wohltuend die heiße Lava abkühlen soll, der greifbar und begreifbar machen soll, was mich umtreibt. Im Kritzeln, Tippen und lautstarken Buchstabenhämmern bereite ich mir den Weg, der vom Instinkt zur Intuition führt und schlussendlich zur Inspiration. Vom Zündstoff Emotion, zum feinen Gespür des Herzens, bis hin zur Erkenntnis: Körper, Seele, Geist finden zusammen.
Nun hört sich das an, als wäre dies eine spirituelle Übung, eine Art Kontemplation, bei der man sich selbst genug ist. Ich brauche jedoch das Gegenüber. Es muss ein konkreter Mensch sein, eine Person, die ich unmittelbar anspreche, mit der ich in Resonanz trete. Im Schreiben entsteht dieser ganz persönliche Kontakt, eine Berührung, die Nähe schaffen kann, auch wenn mein Zündstoff Wut oder Enttäuschung ist.

Wegen meiner Emotionalität sprudelten früher die Worte schneller aus mir heraus, als sie gedacht waren. Das konnte nicht nur bei Gefühlen wie Wut peinlich sein. Auch vorschnelle Begeisterung oder spontane Liebeserklärungen lösten mitunter Befremden und Unverständnis aus. Inzwischen habe ich gelernt, mich in meinem Brodeln und Kochen so lange auszuhalten, bis meine Hand wie von selbst zum Stift greift, oder zu der kleinen Blauzahntastatur, mit der ich geschwind und leicht auf meinem Ipad die Worte tanzen, verschieben, austauschen, umwandeln und manchmal sogar vorlesen lassen kann, bis sich mein innerer Vulkan beruhigt, bis ich weiß, jetzt kann es raus, jetzt darf es gesagt sein. Die Gefühle sind immernoch da, doch verwandelt und geklärt kann ich sie nun ausdrücken, mich mit ihnen einem Du zuwenden und mitteilen.

Hin und wieder passiert es mir aber auch beim Schreiben, dass die Worte direkt aus dem Bauch auf den Bildschirm schießen und abgesendet werden ohne langes Abwägen und Aufbereiten. Ich muss dann damit leben, dass der Empfänger oder die Empfängerin eventuell nicht antwortet. Dann bin ich enttäuscht. Es sollte auch das spontane, unverblümte Wort erlaubt sein.

Eines ist für mich sicher: Niemand schreibt für sich allein. Im Schreiben ist das Senden schon einbezogen. Wir haben immer einen Empfänger im Blick, und wenn es wie bei Anne Frank die fiktive Kitty ist.
Während ich dies tippe, sitzt du mir gegenüber. Ich sehe dich lächeln und stirnrunzeln. Dass du da bist, liest und zuhörst ist mir wichtig. Lass uns im Gespräch bleiben.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

In solchen Texten kommen oft Blickwinkel ans Licht, die man selbst vertritt aber nie auszudrücken vermochte. Danke für diese Worte :)