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Gestorben ist nicht tot - ein Nachruf


Es gibt einige unter meinen Freundinnen, die etliches älter sind als ich, aber sie war mit Abstand die Älteste. Sie hätte meine Großmutter sein können. Wir trafen uns vor 13 Jahren auf einer Veranstaltung, bei der wir rasch ins Gespräch kamen. 85 Jahre alt war Lise damals. Wir hatten den selben Aphorismus aus einem kleinen Buch ausgesucht: "Tritt hervor mit dem was du kannst. Wir haben auf dich gewartet." 
"Wie schön, dass da noch jemand auf mich wartet." sagte Lise und lächelte. Es entspann sich ein lebhafter Austausch zwischen uns, was es denn sein könnte, worauf die anderen warten. Was ist es, was wir zu geben haben? Womit können wir "aufwarten"? Ich erfuhr, dass sich Lise viel mit der weiblichen Kraft auseinandersetzte, Bücher über Matriarchatsforschung gelesen hatte, Pflanzenkennerin und Naturliebhaberin war, spinnen und weben konnte und sich seit Neustem mit den effektiven Mikroorganismen beschäftigte, mit denen man auf natürliche, biologische Weise düngen konnte, aber auch alles mögliche reinigen konnte. 
Als ich ihr erzählte, dass ich eine Methode entwickelt hatte, bei der man Bewegung und Sprache in eine Einheit bringt und es mir ein Anliegen ist, dass Menschen, und vor allem Frauen, lernen, sich zum Ausdruck zu bringen, hörte sie mit großer Aufmerksamkeit zu.
Lise war immer direkt und unverblümt. Ich lernte durch sie, dass es uns als Frauen nicht stärker macht, wenn wir "süß" sind. Sie dachte schon damals über ihren Tod nach, studierte Bestattungsrituale und überlegte, wie sie gern begraben werden wollte. Das war für ihr Umfeld etwas befremdlich, dennoch war es ihre Art, selbstbestimmt auch die letzten Dinge in die Hand nehmen zu wollen. Ihren Platz auf dem Friedhof hatte sie schon angemietet und ging regelmäßig dorthin um einen Rosenbusch zu gießen. Vielleicht war es das, was sie so lange am Leben erhielt .
Eine Frau wie sie kann man sich schlecht in einem Altenheim vorstellen. Eigenständig und mit sehr klaren Vorstellungen gestaltete sie sich gerade diesen letzten Lebensabschnitt. Vor einem Jahr ließ sie es sich nicht nehmen, zu einer Ausstellung meiner besten Freundin Lone zu kommen. Ihre Tochter fuhr sie dorthin und wir sahen uns ein letztes Mal. Es war uns beiden bewusst. Umso berührender und intensiver war das Treffen. 
Danach telefonierten wir regelmäßig. Jedes Mal, wenn ich anrief, fiel mir ein Stein vom Herzen, wenn ich ihre Stimme hörte! Sie war nach einem Schenkelhalsbruch nun doch in einem Altenheim untergebracht. Und obwohl vieles ihr gegen den Strich ging, lernte sie auch in dieser allerletzten Phase dazu: "Es ist schön, dass ich nicht mehr alles selber machen muss".
Beim letzten Gespräch klang ihre Stimme schwach. Am Schluss sagte sie: "Ich danke dir, Petra! Ich danke dir, dass du mich so an deinem Leben teilhaben lässt. Danke, danke. Das ist so schön." Auch ich bedankte mich, dass sie mir zuhörte und sich von mir zum Lachen anstecken ließ.
Wenige Wochen später, am 9. April, war sie 98jährig gestorben. Ich wollte Blumen zu ihrem Begräbnis mitbringen, aber schließlich ging ich in die Natur und suchte Zweige, Blätter, Steine und Gräser und wand daraus einen kleinen Kranz, umschlungen von einem Band, das Lise selbst gewebt hatte. Es war, als würde sie mir zuraunen, wie ich das machen sollte.
Ich höre noch immer ihre Stimme in meinem Ohr. Es ist, als wäre sie noch da. Denn: Gestorben ist nicht tot. Die Lebendigkeit und Tiefe eines Menschen bleibt in genau der Intensität erhalten, mit der er (sie) sich im Leben zum Ausdruck gebracht hat. Ganz im Sinne von: "Tritt hervor mit dem was du kannst. Wir haben auf dich gewartet!"

Ich hatte eine Hühnerfarm in Hawai´i

Der Hühnerstall
Klara Hühnerwadel alias Petra


"Ich hatte eine Hühnerfarm in Hawai´i, am Fuße des Mauna Kea..." So könnte mein Roman über meine Zeit auf Big Island beginnen. 2014 waren Lone und ich das letzte Mal dort, denn wir hatten Tomas Belskys Buch "Brasilien mit Hanf und Herz" fertig übersetzt und ließen es uns nicht nehmen, ihm das Werk persönlich auf dem Farmer´s Market in Hilo, im Osten der Insel, zu überreichen. Dort nämlich hat der Maler und Autor seinen "Stable", sein Büro, sein Atelier, seinen Verkaufsstand.
Wie schon im Jahr davor, mieteten wir uns wieder bei Laura ein. Wir bekamen eine Gratiswoche dazu, weil wir uns um ihre Hühner, den Garten und die Kräuter kümmerten, während sie bei einer kranken Freundin war. "Petra macht das sehr gerne!" hatte Lone an Laura geschrieben - äh... ich hatte noch nie Hühner betreut, aber ok. Heute weiß ich, dass hawaiianische Perlhühner ganz eigene Persönlichkeiten sind! So wie alles in Hawaii ganz besonders ist. Unbeschreiblich.
Big Island, die große Insel von Hawaii wird von Pele beherrscht. Sie ist die Vulkangöttin und egal, ob man daran glaubt oder nicht, sie darf man nicht missachten.
Seit dem 1. Mai brodelt es wieder heftig. Der Vulkan ist ständig aktiv, doch nun ist er ausgebrochen und mit ihm Pele. Sie spuckt Feuer, tobend und kochend. Die Lava wälzt sich über Straßen und Häuser, über Bäume und Gärten. Menschen müssen ihre Häuser verlassen, denn Pele nimmt sich, was sie will.
Peles Küche brodelt

Wer diese Insel betritt, wird die Urkraft sofort zu spüren bekommen. Mir wurde schwindelig. Eine Woche fand ich keinen Boden unter den Füßen, doch danach schoß mir die Vitalität nur so in den Körper. Hawaii läßt sich nicht bändigen. Es ist unbezähmbar. Was heute noch da ist, kann morgen schon weg sein. Doch auch umgekehrt: Wo heute noch Ödnis ist, kann morgen ein Dschungel sein. Das wissen die Menschen dort. Sie wissen, dass Pele auch geben wird, dass neues Land enstehen wird. Und gnädig ist sie allemal: Sie kündigt ihre Raserei an, sodass sich die Menschen in Sicherheit bringen können.
"Nimm niemals einen Lavastein mit nach Hause, denn er gehört Pele!", wurden wir gewarnt. Und: Wenn du an der Straße eine alte Frau siehst, die mitgenommen werden will, darfst du niemals vorbeifahren - es könnte Pele sein!" Wir hielten uns daran. Und so hatten wir sie dann bei uns, einen Tag lang im Auto, auf dem Markt, am Strand. Eine Frau, die behauptete, die uneheliche Tochter von Johnny Weissmüller zu sein! Und obwohl wir uns durchaus hätten messen können mit unserer Verwandtschaft zu Errol Flynn und der letzten Zarenmutter, nickten wir nur feierlich und zollten Respekt, ganz so, wie es uns empfohlen worden war.
Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder das Land dort betreten werde, ob der süße Blütenduft und der salzige Ozean je wieder meine Haut berühren wird und mir die Tränen in die Augen schießen lässt. Aber an keinen anderen Ort der Welt habe ich eine so starke Erinnerung, wie an diesen. Dort, wo Gott oder die Göttin noch immer am Erschaffen ist, dort, wo auch am 7. Tag keine Ruhe ist. Ein Land, das dich umarmt und ins Leben wirft, ein Land, das dir zuruft: Stirb und werde!

Sag es in eigenen Worten



Am 5. Mai bin ich wieder in Offenburg mit meinem Workshop "Die Kraft des gesprochenen Wortes".
Eine Bekannte fragte mich neulich, was man denn konkret von so einem Kurs mitnehmen kann. Auch wenn es in der  Ausschreibung bereits formuliert ist, möchte ich es noch einmal anders beschreiben.
In den sozialen Medien beobachte ich, dass sehr häufig Zitate bekannter Menschen gepostet werden, meist ohne einen eigenen Kommentar. Es ist anzunehmen, dass die Person, die einen Spruch von Mahatma Gandhi postet, dem Papst oder Mutter Teresa, findet, dass da etwas sehr treffend ausgedrückt wird. Es geht dabei wahrscheinlich um ein Thema, das diejenige, die es zitiert, tief beschäftigt. Doch wie wäre es, wenn wir in eigenen Worten formulieren könnten, was uns bewegt, wenn wir auf unseren eigenen Ausdruck vertrauen könnten?  
Wir alle tragen Weisheit in uns. In meinen Kursen leite ich dazu an, wie wir zu unserem Kern der Wahrheit finden, zu dem Ort, der uns in Verbindung bringt mit den Worten, die uns entsprechen. Gedichte, Zitate und Aphorismen sind dafür wertvolle Inspiration. Doch authentisch sind wir dann, wenn wir aus dem Eigenen schöpfen, wenn wir in Bewusstheit Gedanken, Wort und Tat Ausdruck verleihen und unsere Mitmenschen im Herzen erreichen.

Es lohnt, sich der eigenen Sprache, der eigenen Stimme liebevoll zuzuwenden und sie als faszinierendes Instrument, das jedem und jeder von uns gegeben ist, wertzuschätzen.

Wie immer freue ich mich, wenn Ihr meine Einladung zum Workshop annehmt, weiterempfehlt, weiterleitet.
Ein frühzeitige Anmeldung ist aus organisatorischen Gründen zu empfehlen.
Und diesmal gibt es sogar für jede/n TeilnehmerIn ein Überraschungsgeschenk von mir! J
Wer an Einzelstunden an Tagen vor oder nach dem Workshop interessiert ist, kann sich gern bei mir melden.

Ans Herz legen möchte ich auch auch meinen kostenlosen Podcast zum Hören und sich inspirieren lassen: https://soundcloud.com/lebkom/

Daten zum Kurs: 05.05.2018 10-17 Uhr, Poststraße 16 Offenburg

Kosten 70 Euro, Anmeldung unter Evangelische Erwachsenenbildung Ortenau Tel: 0781 24018

Barrierefrei und ohne Schwellenangst

Haben Sie schon einmal einen Nachmittag damit verbracht, Supermärkte, Drogerien und Apotheken abzuklappern, um eine Zahnpastatube zu finden, die sich nur mit dem Daumen öffnen lässt? Sie fragen sich jetzt vielleicht: Wozu? Bisher suchte ich allenfalls nach einer bestimmten Marke, aber nun trat das in den Hintergrund. Egal welche Marke, Hauptsache barrierefrei! Ja, barrierefreie Zahnpastatuben sind Tuben, die mein Freund, der blind und tetraspastisch gelähmt ist, entweder mit seinem Daumen oder mit dem Mund öffnen kann. 


Hand deren Daumen Zahnpastatube öffnet
Es muss eine Tube sein, die einen Klappverschluss hat. Klingt einfach - ist es aber nicht. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht: In der Schweiz und in Deutschland gibt es nur eine einzige Marke, die Tuben mit Klappverschluss führt. Und dieser Verschluss lässt sich nicht auf andere Tuben setzen, dafür stimmt die Größe nicht. 
So ein kleines, einfaches Detail, das meinem Freund ein selbständiges Zähneputzen ohne fremde Hilfe ermöglicht! 

Beim Wort "barrierefrei" denken die meisten von uns an ebene Wege ohne Hindernisse, an Rampen und abgesenkte Gehsteige. Vielleicht fällt uns noch der Fahrstuhl ein oder die schwellenlosen Eingänge zum Supermarkt. Doch was nützt der schwellenlose Eingang, wenn ich als Rollstuhlfahrer keinen Einkaufswagen finde, den ich schieben kann? Wenn in Bekleidungsläden zwar Rampen sind, diese aber zu steil sind, um hochzukommen? Eine behindertenfreundliche Umkleidekabine die zwar genügend Platz bietet, um mit einem Rollstuhl reinzukommen, jedoch ohne Haltegriffe, die es mir als Mensch mit Behinderung erst möglich machen würden, mich umzuziehen? 

Ist es barrierefrei, wenn mein Freund und ich vor einem Aufzug stehen, mit dem wir zwei Stockwerke nach unten fahren wollen, dieser sich öffnet und voll ist mit Menschen, die alle gut zu Fuß sind, kein schweres Gepäck bei sich haben und auch keinen Kinderwagen. Und wenn uns dann diese Menschen mit entsetzten Augen anstarren, diesem Blick, der sagt: "Was, wollen die auch noch hier rein?" und sich der Fahrstuhl wieder schließt, wie ein Theatervorhang nach dem letzten, traurigen Akt und wir zurück bleiben und weiter warten, denn Zeit haben wir doch, oder? 

Die UN Behindertenrechtskonvention besagt, dass alle Menschen mit und ohne Behinderung das Recht haben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Und das geht weit über die Rampen und Schwellen hinaus. 
Wenn ich mit meinem Freund unterwegs bin, erlebe ich mich ebenfalls als behindert, denn wenn das Kino keinen Platz für ihn und seinen Rollstuhl hat, lasse ich ihn bestimmt nicht draußen stehen und gehe allein den Film gucken. Ich bin es, die ihn die Rampe hochschiebt, welche manchmal dermaßen ansteigt, dass nur ein gut durchtrainierter Mann mit entsprechenden Muckis das schafft. 
Als wir einmal spät abends am Bahnhof ankamen, gab es am Bahnsteig keinen Aufzug. Es war dunkel und nirgends war ein Mensch zu sehen. Ich suchte und fand erst über einen langen Umweg zu einer Unterführung mit einer steilen Rampe, die ich auch nach mehrmaligen Versuchen und der, soweit möglich, tatkräftigen Mithilfe meines Freundes nicht schaffte. Mein Freund und ich kannten uns zu dieser Zeit noch nicht lange. Ich war mit dieser Problematik nie konfrontiert gewesen und stand kurz vor der Verzweiflung. Den blinden, im Rollstuhl sitzenden Freund wollte ich nicht im Dunkeln allein lassen, um Hilfe zu suchen - die im Übrigen schwer zu finden gewesen wäre, nachts um 23 Uhr. Ein betrunkener Obdachloser war schließlich die Rettung. Gemeinsam schoben er und ich den Rollstuhl die Rampe hoch. 

Manche Hotels behaupten, barrierefrei zu sein und meinen damit, dass die Eingänge schwellenlos sind und es einen Aufzug gibt. Schaut man jedoch in die Badezimmer, wird man meistens keine Haltegriffe an WC und Dusche finden. Ungehindert auf die Toilette gehen kann man dann als Rollstuhlfahrer einzig auf der öffentlichen Toilette, nicht jedoch auf dem Zimmer. Kaum ein Hotel wirbt ausdrücklich mit barrierefreien Zimmern. Und auch wenn man ein kleines Rollstuhlsymbol unter den Serviceleistungen findet, ist das keine Garantie. Erst auf Nachfrage bekommt man Auskunft, was die Hotelsuche sehr mühsam macht. 

Während ich diesen Text schreibe, benutze ich ab und zu die Vorlesefunktion meines IPads. Wie praktisch, werden Sie denken, so kann auch ein Blinder ein IPad benutzen! Nein, mein Freund kann als Blinder die Apps nicht finden. Aber sein PC liest ihm mit einem besonderen Programm Webseiten und Emails vor. Aufgrund seiner Sprachbehinderung kann er allerdings keine sprachgesteuerten Programme bedienen, muss alles mit einer eigens von ihm erfundenen und für ihn hergestellten Tatstatur eingeben, ohne die er seinen Beruf nicht ausüben könnte. Damit die Webseiten vorgelesen werden können, müssen sie barrierefrei sein. Nicht alles liest das Programm vor. Bilddateien kann es nämlich nicht erkennen. Und Sie glauben nicht, wie viele Dateien er als Bilddatei bekommt. Sogar die UN Behindertenrechtskonvention bekamen wir als PDF Bilddatei zugesandt! 

Mann im Rollstuhl von hinten fährt
einen Gang entlang
Mein Freund ist ein unermüdlicher Kämpfer für die Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Barrierefreiheit. Er lässt es sich trotz aller Mühen nicht nehmen, allein zu wohnen. Bei seinem Wohnungsumbau habe ich miterleben dürfen, an wie viele Details man zu denken hat. Er legt Wert auf schönes Design, was nicht jeder verstehen kann, da er doch blind ist. Doch behindertengerecht wohnen muss nicht bedeuten, dass es aussieht wie in einem Pflegeheim. Da wird ein Haltegriff so formschön gestaltet, dass er auch als Handtuchhalter durchgehen kann - ganz wie in der UN Behindertenrechtskonvention gefordert: Design für alle. 
Wenn rechtzeitig daran gedacht wird, neue Möbel und Geräte so zu bauen, dass es für alle funktioniert, wird Barrierefreiheit in Zukunft nicht teuer sein, sondern eher günstiger, sagt mein Freund, der übrigens promovierter Ökonom ist. 
In einigen Jahren nämlich wird die Zahl der Menschen mit Behinderung drastisch steigen. Denn der überwiegende Teil der Behinderten wird aus alten Menschen bestehen. Allein in meinem persönlichen Umfeld kenne ich drei Personen über 70, die eine Makuladegeneration haben und allmählich erblinden. Diese Personen lernen keine Blindenschrift mehr. Sie sind darauf angewiesen, dass es technische Möglichkeiten geben wird, die ihnen ihre Selbständigkeit noch lange erhalten. Zum Beispiel einen Herd oder eine Mikrowelle, die nicht nur ein Touchscreen hat, sondern eben noch den guten alten Drehknopf. 

Meine bereits blinde 86jährige Freundin rief mich neulich an: "Du, ich hab ´ne neue Brille!" Ich verstand nicht. Wieso braucht eine Blinde eine Brille? "Die Brille hat eine Kamera, die liest mir alles vor!" Wie das genau funktioniert, habe ich noch nicht herausgefunden, aber ich bewundere meine Freundin dafür, dass sie sich auf solche technischen Dinge einlassen kann. 

Würstchenstand mit Tisch und Bänken auf einem Behinderten-
parkplatz
Ich frage mich allerdings auch, ob zu viel Barrierefreiheit eine Gefahr in sich bergen könnte? Wie Sie an meinem Fahrstuhlbeispiel schon sehen konnten, ist der Mensch träge und denkt vor allem an sich selbst und seine eigene Bequemlichkeit. Man freut sich nicht darüber, dass man gesunde, flinke Beine hat und deshalb mit Begeisterung die Treppe, statt den Aufzug benutzen könnte, nein, lieber geht man regelmäßig ins Fitness-Studio. Am Flughafen erlebten wir es, dass eine Rampe komplett belegt war mit Menschen, die es sich dort für ein Schläfchen gemütlich gemacht hatten und auch nicht aufstanden, als wir angerollt kamen. 
Und erst dieser Tage las ich, dass man eine Petition unterschreiben kann, damit Plastiktrinkhalme abgeschafft würden. Doch ohne diese Trinkhalme wären wir in vielen Situationen schon aufgeschmissen gewesen. In meiner Handtasche habe ich immer welche dabei, die wir meist mehrmals benutzen. Mit einem Trinkhalm kann mein Freund barrierefrei und ohne Kleckern trinken. Sie sind eine tolle Erfindung - für die, die sie wirklich brauchen! 
Es geht also bei der Barrierefreiheit auch und vor allem darum, dass wir bewusster werden und unsere Mitmenschen in ihren Bedürfnissen wahrnehmen, uns eben nicht einfach der Bequemlichkeit und Trägheit hingeben. Was brauche ich wirklich und was braucht mein Gegenüber, sollten wir uns fragen. Achtsamkeit heißt Bewusstheit, heißt soziales Miteinander. Es ist noch ein weiter Weg dahin. Doch erste Schritte sind getan. Jeder und Jede von Ihnen kann mithelfen. Meine Beispiele hier sind nur ein Bruchteil von dem, was Barrierefreiheit sein kann. Lernen Sie hinzuschauen, wir zählen auf Sie!

Niemand schreibt für sich allein


Maria Almana fragt in ihrem Blog Unruhewerk, warum wir schreiben und ob uns das bei irgendetwas hilft. Hier ist meine Antwort:

Ich bin eine ziemlich leidenschaftliche Person. Zum Schreiben bewegen mich besonders drei Gefühle. Sie sind wie Zündstoff für meine Sprache, die sich dann durch den Wust von erhitzter Wortflut einen Weg sucht, um Ordnung zu schaffen.
Die drei Schreibelixiere heißen Wut, Begeisterung und Liebeskummer.
Mein Schreiben flüchtet sich nie in ausgedachte Welten, vielmehr stürzt es sich in das, was mich im Moment umtreibt. Es dreht und wendet, es zweifelt und verzweifelt, hofft, stellt in Frage, widerspricht sich. Mein aufgebrachtes Herz sucht den Weg zum Verstand, der wohltuend die heiße Lava abkühlen soll, der greifbar und begreifbar machen soll, was mich umtreibt. Im Kritzeln, Tippen und lautstarken Buchstabenhämmern bereite ich mir den Weg, der vom Instinkt zur Intuition führt und schlussendlich zur Inspiration. Vom Zündstoff Emotion, zum feinen Gespür des Herzens, bis hin zur Erkenntnis: Körper, Seele, Geist finden zusammen.
Nun hört sich das an, als wäre dies eine spirituelle Übung, eine Art Kontemplation, bei der man sich selbst genug ist. Ich brauche jedoch das Gegenüber. Es muss ein konkreter Mensch sein, eine Person, die ich unmittelbar anspreche, mit der ich in Resonanz trete. Im Schreiben entsteht dieser ganz persönliche Kontakt, eine Berührung, die Nähe schaffen kann, auch wenn mein Zündstoff Wut oder Enttäuschung ist.

Wegen meiner Emotionalität sprudelten früher die Worte schneller aus mir heraus, als sie gedacht waren. Das konnte nicht nur bei Gefühlen wie Wut peinlich sein. Auch vorschnelle Begeisterung oder spontane Liebeserklärungen lösten mitunter Befremden und Unverständnis aus. Inzwischen habe ich gelernt, mich in meinem Brodeln und Kochen so lange auszuhalten, bis meine Hand wie von selbst zum Stift greift, oder zu der kleinen Blauzahntastatur, mit der ich geschwind und leicht auf meinem Ipad die Worte tanzen, verschieben, austauschen, umwandeln und manchmal sogar vorlesen lassen kann, bis sich mein innerer Vulkan beruhigt, bis ich weiß, jetzt kann es raus, jetzt darf es gesagt sein. Die Gefühle sind immernoch da, doch verwandelt und geklärt kann ich sie nun ausdrücken, mich mit ihnen einem Du zuwenden und mitteilen.

Hin und wieder passiert es mir aber auch beim Schreiben, dass die Worte direkt aus dem Bauch auf den Bildschirm schießen und abgesendet werden ohne langes Abwägen und Aufbereiten. Ich muss dann damit leben, dass der Empfänger oder die Empfängerin eventuell nicht antwortet. Dann bin ich enttäuscht. Es sollte auch das spontane, unverblümte Wort erlaubt sein.

Eines ist für mich sicher: Niemand schreibt für sich allein. Im Schreiben ist das Senden schon einbezogen. Wir haben immer einen Empfänger im Blick, und wenn es wie bei Anne Frank die fiktive Kitty ist.
Während ich dies tippe, sitzt du mir gegenüber. Ich sehe dich lächeln und stirnrunzeln. Dass du da bist, liest und zuhörst ist mir wichtig. Lass uns im Gespräch bleiben.

Dieser eine Ort


Es muss ihn geben, diesen Ort. In meinen Träumen taucht er immer wieder auf. Diese eine Stelle am rauschenden Meer mit seinen haushohen Wellen und schlohweißer Gischt. Die farbige Stadt mit ihren steilen Gassen. Es gibt eine Traumlandschaft, die mir nur im Tiefschlaf erscheint, die vertraut und heimelig ist, wo ich jede Ecke kenne, wo es warm ist und sehr rein. 
Die Luft, das Wasser, alles was mich dort umgibt ist rein, weich und wohlig. Mir sind dort schon Wale, Delfine, Schildkröten, Zebras, Tiger und Nashörner begegnet, sogar ein Krokodil, doch war es nie wirklich bedrohlich. Ich treffe dort Tote und noch lebende Menschen. Sie sind gegenwärtig, als gäbe es keine Zeit, kein Vor oder Danach. 
Es muss ihn geben, diesen Ort. Wie sonst könnte er immer wieder gleich in meinen Träumen erscheinen? Ist es der Ort, an den ich zurückkehren werde, wenn mein Körper dieses Leben hier verlässt? 
Die Farben in meinem Traumland sind um ein Vielfaches intensiver, leuchtender und von einer durchdringenden Kraft. Alles strahlt. Meine Erlebnisse dort sind abenteuerlich und voller Gefühl, mal tiefe Liebe, dann tiefe Trauer, manchmal Furcht und Schrecken, dennoch empfinde ich es anders als im Wachleben. Da alles eingebettet ist in die Zeitlosigkeit, sind meine Traumerfahrungen wie Mittel zur Erkenntnis. Ich bewege mich körperlos durch die Traumwelten und empfinde dennoch mit allen Sinnen. Ich rieche und schmecke, höre und sehe, taste und spüre körperliche Schmerzen, die jedoch im nächsten Moment wie weggezaubert sein können. Ich schwebe und tanze leichtfüßig, kann fliegen - aber nicht immer - und meine Stimme kann ganze Konzertsäle füllen. 
Meine Traumorte sind Sehnsuchtsorte. Es gibt sie schon sehr lange und es mag der Grund dafür sein, dass ich bereits als Kind gern früh schlafen ging und morgens Mühe habe, wieder in der Welt hier auf dieser Erde anzukommen. Manchmal glaube ich, die Welt im Traum sei echter. Mein blinder Freund kann in meiner Traumwelt sehen, obwohl er auch dort blind ist. Blindsein ist in der Traumwelt eine Fähigkeit. Es steht für ein besseres Sehen, für ein Sehen hinter die offensichtlichen Dinge. In meiner Traumwelt ist jeder ganz und heil, mit all seinen Ecken und Kanten. 
In dieser Welt weiß ich, dass alles und jedes Teil vom Ganzen ist. Und wenn ich erwache, ist mir das immernoch bewusst, aber ich kann es dennoch nicht für mein irdisches Leben umsetzen. Einzig in meiner Traumwelt sind die begrenzenden Gedanken zwar da, aber nicht als alleinige Möglichkeit, ich kann sie jederzeit sprengen. 
Im Traum weiß ich, dass ich fähig bin, mich zu wandeln.