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Mitten im schönsten Frieden


Was Greta nicht schaffte, schafft ein Erreger. Ein unsichtbares, winziges Virus erregt, versetzt in Panik, bringt Menschen sogar dazu, von einem Krieg zu sprechen, ein Krieg gegen das Virus. Da stehen Leute an der "Front", da setzt man "Waffen" ein, da hat man nicht genug "Munition". Das Virus ist der neue Feind, Greta darf Zuhause bleiben.
Während also die einen im Kriegsmodus sind, sich bis auf die Zähne bewaffnen mit Mundschutz und Desinfektionsmittel, in dieser Kriegsmontur, gewappnet und gerüstet, zu ihrem Hamsterkauf "marschieren", setzen die anderen auf "ein bisschen Spaß muss sein". Uns kann das Ganze nichts, wir machen weiter wie bisher, wenn nicht draußen, dann eben drinnen. Wir singen, tanzen, jubilieren, wir reißen Zoten und erfinden täglich neue Klopapierwitze, denn es geht uns am Arsch vorbei.

Ein Virus, ein Erreger, hat uns infiziert. Jeden auf andere Weise. Aus dem schönsten Frieden gerissen, piekst er nun in unseren Wohl-Stand. Vieles muss in Frage gestellt werden. Plötzlich wird getan, was Greta längst eingefordert hat: Flüge werden eingestellt, Konsum vermindert.
Doch es geht nicht um einen Krieg gegen etwas. Es geht darum, wie wir mit etwas leben können. Wann versteht die Menschheit, dass wir das Feindbild endlich aufgeben müssen, um in Frieden leben zu können? Dass wir  nicht die einzigen Lebewesen sind, die eine Daseinsberechtigung haben.
Ich bin sehr müde.
Es gibt nur wenige Menschen mit denen ich mich zur Zeit austauschen möchte. Es sind die Freundinnen und Freunde, die schon immer ein tieferes Bewusstsein hatten, gut reflektieren können, einen feinen Humor haben, der nicht zur Verdrängung beiträgt, sondern zum leichten Umgang mit dem was ist. Wir telefonieren, wir begegnen uns auf Skype und Facetime. Und die wichtigsten Menschen sind sowieso bei mir. Dass ihr da seid, ist mir ein großer Trost.

Ein neues Atemfeld


Wenn man nach einer Woche mal wieder in die Stadt muss, ist es schon erstaunlich, was sich alles verändert hat. "Früher war alles besser", kann man zwar nicht behaupten, aber jetzt ist es auch nicht gut. Das "neue Atemfeld" lässt noch auf sich warten.

Abstand nehmen, dankbar sein

                     

Dass wir in diesen Tagen auf Abstand gehen, nur noch das Nötigste außer Haus erledigen und unsere Begegnungen mit anderen Menschen auf virtuelle Art oder per Telefon beschränken müssen, ist, so beobachte ich es, für einige eine Herausforderung. Nicht nur die Angst vor dem Virus, sondern auch Existenzängste verunsichern die Menschen. Ist uns klar, dass wir trotz allem auf hohem Niveau jammern? 
Im Supermarkt stand ich vor einem vollen Regal mit Toilettenpapier. Jemand sagte: „Das ist ja das Paradies: ein ganzes Regal Toilettenpapier!“ Ich schaute mich zu der Person um. Sie hatte es ernst gemeint. Ein Mann stand daneben und meinte: „Na, und wenn keines mehr da ist, kann man es immernoch auf die syrische Art machen.“ Im arabischen Raum ist es nämlich üblich, sich den Po mit einem Wasserschlauch zu säubern. Der Mann war Syrer. Auf dem Nachhauseweg überlegte ich, wie es ihm wohl gehen muss, wenn er hierzulande die Menschen erlebt, die wegen Klopapier und Hausarrest in Panik geraten. Er, der sein Land in Schutt und Asche lassen musste, der Krieg und Bombenhagel erlebt hat. Ich dachte an die Geflüchteten in Griechenland und der Türkei, die seit Monaten in Zelten ausharren müssen und ein Ende dieser Situation kaum in Sicht ist!
Es ist gut, Einschränkungen zu erleben, damit man später wieder wertschätzen kann, was selbstverständlich war. 
Abstand nehmen sollte man auch von den vielen unseriösen Ratschlägen, die einen auf Whatsapp und per mail zumüllen. Ich nehme ebenfalls Abstand von pseudosolidarischen Aufrufen wie „Klatschen auf dem Balkon für die großartigen Pfleger, die so viel leisten“. Diese Menschen brauchen nicht unseren Beifall, sondern vor allem ein höheres Gehalt. Dafür können wir uns stark machen! Ich habe die Petition für das Bedingungslose Grundeinkommen bereits unterschrieben: Grundeinkommen 
Ebenso nehme ich Abstand von merkwürdigen Verschwörungstheorien und auch von Aufrufen zu einer weltweiten Meditation zu einer ganz bestimmten Zeit.
Wir alle können immer und zu jederzeit beten oder meditieren. Es ist dem Göttlichen egal, ob wir das allein oder zu vielen machen, es wird mit vielen nicht mehr oder besser oder wirksamer. Gott kennt nicht Raum und nicht Zeit. Ich nehme es mit Martin Buber: Meine Beziehung zu Gott ist wichtig. In der Resonanz zum Göttlichen wirkt die Kraft und die Zuversicht. 
Vielleicht finden wir in diesen Tagen wieder mehr zu uns selbst, zu dem, was wirklich wichtig ist. Die meisten unter uns haben noch niemals Krieg erlebt, nie Hunger leiden müssen. Unsere Ängste sind größtenteils fantasiert. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft etwas aus der momentanen Situation lernen. Dass wir es gut überstehen und ganz neu anfangen können mit Wertschätzung, Dankbarkeit und der Demut, zu wissen, dass alles was uns Gutes widerfährt, nicht selbstverständlich ist.

Du musst das Leben nicht verstehen...


In diesen Tagen sind wir alle mehr oder weniger infiziert. Die Nachrichten widersprechen sich manchmal, die Thesen und Mutmaßungen helfen nicht wirklich, denn wir sind angesichts einer nahezu unsichtbaren Bedrohung einfach ohnmächtig.
"Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest...", schreibt Rilke und zusammen mit seinem Gedicht "Jetzt wär es Zeit..." geht es mir dieser Tage durch den Kopf, manchmal spreche ich es auch laut, dann hört es sich an wie ein Trost.
Ich habe das Glück, dass ich nicht allein zuhause bin und jederzeit in die Natur kann. Das Wahren von Distanz macht uns deutlich, wie sehr wir letztlich doch die Nähe brauchen, aber eben nicht diese scheinbare Nähe, diese Pseudoumarmungen, sondern den Blick in die Augen, die wirklich anteilnehmende Frage: "Wie geht es dir?" Wir nehmen anders wahr, hören im Ton einer Stimme, die zu uns spricht, die Wärme und Zuneigung, sehen in Augen, dass wir gesehen werden.
Wie wichtig es auch ist, sich und andere nicht mit dem Corona-Virus anzustecken, genauso wichtig scheint mir, uns nicht mit Angst und Misstrauen infizieren zu lassen. Es gilt, zu vertrauen, dass sich die Zeiten auch wieder ändern, dass wir daraus im besten Falle etwas lernen, dass wir wertschätzen, was wir haben, und "Anfang glänzt an allen Bruchstellen unseres Misslingens".

Wie im Kleinen, so im Großen

ZDF Dreiteiler, in der Mediathek und ab 9.03. im Fernsehen
Es ist selten, dass eine Romanverfilmung glückt. Doch hier ist es gelungen. „Unterleuten“ von Juli Zeh habe ich bereits vor Jahren gelesen und nun war es wie ein déjà vue: Die meisten der Szenen, waren exakt so, wie ich sie beim Lesen vor meinem inneren Auge erlebt hatte. Selbst die Auswahl der bis in die kleinste Rolle hervorragenden SchauspielerInnen stimmte. Unterleuten geht unter die Haut. Es ist ein Gesellschaftspsychogramm, das aufdeckt, wie Menschen ticken, wenn sie sich bedroht fühlen. Erschreckend ist es, wie schnell ihnen das Leben aus den Händen gleitet, wie wenig selbstbestimmt und ihren Werten entsprechend sie handeln und leben können, wenn Gier, Macht und Gerüchte die Oberhand nehmen.
Die vielen unterschiedlichen Romanfiguren sind wie aus dem Leben gegriffen. Jeder kann sich selbst oder einen Nachbarn wiedererkennen, vielleicht etwas überzeichnet, aber auf beunruhigende Art realistisch. Unterleuten zeigt, wie unsere Gesellschaft tickt, denn wie im Kleinen läuft es auch im Großen. Die kleine Politik des Dorfbürgermeisters mag sich nicht wesentlich von der großen Politik unterscheiden. Woraus man den Schluss ziehen kann: Im Großen können wir als Einzelne wenig verändern, doch im nahen Umfeld ist es möglich. Ich verrate nicht, wie es in Unterleuten ausgeht. Aber man kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, was man selbst in seinem Umfeld tun kann, um Vorurteilen, Gerüchten, Übertreibungen, Gruppenzwang, Gier und Egoismus keinen Raum zu geben.

Geteilte Freude ist doppelte Freude

"Mensch und Ausdruck" - Bilder von Lone Bech

Die letzten Wochen waren Lone und ich damit beschäftigt, ihre Ausstellung in Oberstdorf vorzubereiten. Am 14.02. war es dann so weit. Ich habe die Eröffnungsrede gehalten und es ergaben sich viele schöne Begegnungen und Gespräche. Seit 15 Jahren kenne ich nun Lone und wir teilen alle unsere Projekte insofern, dass wir einander unterstützen und gegenseitig Anteil nehmen. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Geteilter Erfolg, doppelter Erfolg.
Interessant ist, dass viele meinen, je mehr Bilder man verkauft, desto größer sei der Erfolg. Wir verstehen es eher so: Je mehr Gespräche es gibt, desto wertvoller für uns. Um sich als Künstler weiterentwickeln zu können, braucht es Resonanz und Austausch. Erfreulich, wenn auch ein Bild verkauft wird. Aber ein wahrer Erfolg ist es erst, wenn die Besucher mit Eindrücken nach Hause gehen, die sie nicht so schnell vergessen. So ist es in der Musik und auch im Theater. Jeder Ausdruck möchte Eindruck hinterlassen.

noch bis 01.03.2020 in Oberstdorf, Galerie Trettachhäusle Mo - Fr. 13-17 h, Sa/So: 11-17 h