Catville kann kein Obdach geben


Unser beschauliches Dorf im Herzen Oberschwabens zählt nur wenige Menschenseelen. Tatsächlich überwiegen nach jüngster Zählung die Katzenseelen, weshalb das Dorf in Insiderkreisen nur noch "Catville" genannt wird. Und wie jeder, der in einem solchen Dorf wohnt, weiß, sind die Höhepunkte des Tages der Postbote, der Güllewagen und seit einiger Zeit auch ein fröhliches Hupen, was nicht etwa einen Eiswagen oder Backwarenverkäufer ankündigt, sondern die Ankunft unseres Vermieters. Noch verwirrt uns dieses Hupen insofern, da wir uns nicht einig werden, ob die ganze WG Spalier stehen oder vom Balkon aus winken soll?  Also bleibt es dabei, dass wir uns einfach auf schwäbisch zurufen: "Er isch widder do!"
An Tagen jedoch, wo weder Postbote noch Güllewagen vorbeikommen und auch das Hupen wegen urlaubsbedingter Abwesenheit des Grundbesitzers ausbleibt, wirkt das Dorf wie ausgestorben. Einige Katzen huschen um die Ecken, wenn´s hochkommt legt uns Minke, die flinke, eine Maus mit abgebissenem Kopf vor die Tür. Kater Billy gähnt dazu gelangweilt und die zwanzig anderen namenlosen Katzenseelen wälzen sich entlang der Dorfstrasse in den in diesen Tagen raren Sonnenstrahlen.
In dieses Idyll hinein platzte gestern gegen Abend eine Horde rucksackbepackter Jugendlicher, die sich suchend umschauten. Unser Holzhaus ist immer ein Blickfang. Der große Garten wird nur symbolisch durch eine einsame Holztür, die wie eine Landart-Skulptur in der Mitte steht, vom Grundstück unseres Vermieters abgegrenzt. Dort gibt es einen Feuerplatz und vieles weitere Einladende. So war es nicht sehr verwunderlich, dass man bei uns anklingelte. Ein paar Mädchen übernahmen die Anfrage, sie seien eine Jugendgruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einfach für ein paar Tage auf´s Geratewohl loszuwandern, nur mit etwas Proviant und Wasser. Die Übernachtung blieb offen. Man wolle schauen, ob jemand auf den Dörfern eine Scheune öffnen würde. "Könnten wir in Ihrer Scheune übernachten?" Große flehende Augen sahen mich an. Leider ist die Scheune nicht unsere und leider konnte ich aufgrund der Abwesenheit unseres Vermieters das Grundstück nicht für eine 16-köpfige Gruppe freigeben. Etwas verschämt fragten die Mädchen, ob sie bei uns auf die Toilette dürften. Klar. So versammelten sie sich davor, standen an, ermahnten sich gegenseitig mit: "Mach aber koi Dreck, des wär unhöflich!" Danach ließen sie sich noch gemütlich nieder, es gefiel ihnen gar zu gut bei uns. Ich wurde vertraulich über speziell weibliche Themen ausgefragt (Hygiene auf Reisen usw.). Draußen warteten die Jungs schon ungeduldig, aber das war ihnen egal. Es tat mir leid, kein Obdach für 16 Leute geben zu können - für die Mädchen hätte ich es gern getan und unser Platz hätte dafür auch gereicht. Doch so mussten sie weiter ihr Glück versuchen. Hier in Catville gibt es eben nur Unterschlupf für Katzen. Alles andere muss draußen bleiben! ;-)

Keine Kommentare: