Darf ich dir die Hand geben?


Wann hast du zum letzten Mal jemandem bewusst die Hand gegeben? Es kommt immer seltener vor, zumindest im Privatleben. Immer öfter fallen mir Menschen, die ich zum ersten Mal im Leben sehe, automatisch bei der Begrüßung in die Arme, Küsschen rechts, Küsschen links und das Ganze beim Abschied wieder.
Halte ich jemandem freundlich meine Hand entgegen, guckt mein Gegenüber oft irritiert auf dieselbe, dann fragend auf mich, dann unbeholfenes Gelächter, bevor wir uns doch wieder in die Arme fallen, mehr aus Verlegenheit.
Ich war noch nie der Kuscheltyp, erst recht nicht, wenn ich Menschen nicht gut genug kenne, um mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. Es ist mir unverständlich, warum man sich nicht mehr die Hand geben kann, ohne dass gemutmaßt wird, man könne den anderen nicht leiden. Ich wage sogar zu behaupten, dass ein Händedruck, bei dem man sich in die Augen sieht, viel stärker und verbindlicher ist, als eine Umarmung. Zum Beispiel werde ich den Händedruck von Rosel Zech nie vergessen: Fest und zupackend, ihr Blick dabei eindringlich. Oder der ganz weiche, flache Händedruck eines Stammeshäuptlings der Ova-Himba in Afrika. Ein fester Händedruck zählt dort als unhöflich und man schaut dabei bewusst dem gegenüber nicht in die Augen, um keine Macht zu demonstrieren.
Bei einer Umarmung kann man komplett auf Augenkontakt verzichten. Meist sind die Umarmungen flüchtig und leere Geste. Manchmal aber empfinde ich sie auch als Energieraub, als ein mich einnehmen wollen.
Ich gebe gern Menschen die Hand, sehe sie dabei an und merke mir ihren Namen. Wenn wir uns näher kennengelernt haben, kann es sein, dass ich zu einer Umarmung bereit bin.

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