Gedanken zum Gedicht „Mein Vogel" von Ingeborg Bachmann



Ingeborg Bachmann ist für mich eine der Lyrikerinnen, der es einzigartig und unvergleichlich gelungen ist, in ihren Gedichten zwei Welten, Traum- und Wachbewusstsein, inneres und äußeres Erleben, Realität und Fantasie in einen Dialog zu bringen. 
Das Gedicht "Mein Vogel" beginnt mit einem Versprechen, einer Zusicherung. "Was auch geschieht..."
 Ein Satz, von dem wir uns vielleicht alle wünschen, dass er uns gesagt wird: "Was auch geschieht, ich bleibe bei Dir" .Was auch geschieht, ich werde Dich beschützen!" "Was auch geschieht, Du wirst mich nicht verlieren." Was auch geschieht, ich werde Dich immer lieben!"

Dahinter steckt die tiefe Sehnsucht in uns, bedingungslos geliebt zu werden. Fast immer ist ja die Ursache einer Krise Verlustangst oder das Gefühl, nicht genug geliebt zu werden, nicht respektiert zu werden oder selbst nicht lieben zu können.
In dem Gedicht wird aber das Versprechen gegeben, dass es etwas in uns gibt, das uns begleitet, uns liebt und beschützt, etwas, das uns nie verlässt: Es ist die Eule, ein Symbol für die innere Weisheit. Sie ist Wächterin und Beistand, wenn die Welt um uns verheerend ist. Für mich persönlich ist die Eule auch ein Symbol für mein inneres unverletztes Selbst mit all meinen Talenten und Möglichkeiten und ein Symbol für meine Bestimmung in dieser Welt. Wenn ich mit der Eule in Kontakt bleibe, kann ich mich aufschwingen und alle Nebel des Alltags durchdringen.

Ein zweites wichtiges Symbol ist das Feuer. Wir werden geradezu aufgefordert zu brennen! Mit dem Schutz der Eule, unserer Wächterin, können wir das Risiko eingehen, immer wieder neu zu brennen, Funken zu schlagen.
Ich brenne in Liebe zu einem bestimmten Menschen oder in Liebe zu einer Sache, einer Idee. Ich bin befeuert und sprühe Funken. Aber vielleicht wird meine Liebe nicht erhört, nicht angenommen, vielleicht kann meine Idee nicht verwirklicht werden....
Der Schmerz darüber, lässt alles in mir zusammenstürzen, was bleibt ist ein Haufen Schutt. 
Doch Ingeborg Bachmann spricht vom Schutt der Sterne! Und vielleicht ist es so, dass gerade dieser Schutt mir Erleuchtung, Einsicht, Wahrheit bringt? Das Feuer der Leidenschaftlichkeit verbrennt mich und lässt mich zugleich wie Phönix aus der Asche aufsteigen, verjüngt und regeneriert.

Ja, dieses Gedicht ist die Aufforderung, sich dem Feuer der Leidenschaft immer wieder neu hinzugeben! Keine noch so große Enttäuschung oder Verletzung sollte uns den Mut nehmen, immer wieder in Liebe zu brennen und das Risiko des Schmerzes in Kauf zu nehmen, Grenzen zu überschreiten, und im Spannungsfeld zwischen Möglichem und Unmöglichem zu wachsen. Es ist die Aufforderung, unserer Bestimmung treu zu bleiben, uns von der inneren Stimme leiten zu lassen. Nicht zuletzt aber gibt uns der Text auch Trost, wenn wir eines Tages wie ein Stern am Firmament verglimmen werden: Etwas von uns bleibt und wird sich aufschwingen zu einer höheren Warte.

(gewidmet Gerti, die im Alter von 97 vor wenigen Tagen verstorben ist)

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