Ansichtssache


In einem meiner letzten Seminare ging es unter anderem darum, uns bewusst zu werden, welchen Standpunkt wir vertreten. Auch auf Körperebene ist das spannend: zum einen ist der "Stand" etwas Statisches, während "treten" Bewegung ist. Für mich bedeutet das, dass ich, um einen Standpunkt überzeugend vertreten zu können, beweglich sein muss, also fähig sein sollte, ein und dieselbe Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln anschauen zu können. 
Um unterschiedliche Ansichtsweisen überhaupt wählen zu können, muss ich natürlich erstmal wissen, wo ich stehe. "Aber dann relativiert sich ja alles!", war der Aufschrei. Ja. Was ist daran so schlimm? Die Werthaltung muss man ja deswegen nicht aufgeben.
Als ich einmal wegen sehr schlimmen Schmerzen nachts in die Notaufnahme kam, musste ich lange warten. Ich fand es empörend! Ich hatte Schmerzen! Es war kaum auszuhalten! Bis mir jemand erklärte, dass der Arzt gerade jemanden versorgte, der sehr viel Blut verloren hatte. Ja, da hat sich mein Schmerz relativiert. Ehrlich gesagt, fühlte er sich gar nicht mehr so schmerzhaft an. Meine Werthaltung "einem Menschen in Not muss geholfen werden" hatte sich von mir auf einen anderen verschoben.
Man kann gewiss nicht allem gerecht werden. Aber mit der Bereitschaft, den Blickwinkel zu ändern, zu erweitern, kann man mit Sicherheit zu einer gerechteren Welt beitragen.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Wie oft bekomme ich es zu spüren, dieses ... ich möchte jetzt sofort, ich bin doch dran ... und auch ein Notfall beschwichtigt nicht ...
Da bin ich doch sichtlich erleichtert, dass du so viel Empathie besitzt und dein Beitrag lässt mich lächeln. Dankeschön.
Herzlichst deine sissi