Du gehörst dazu!


Ob sich jemand schonmal darüber Gedanken gemacht hat, dass Inklusion in der Schule nicht allein bedeutet, dass nur Kinder mit Behinderung an normalem Unterricht teilhaben können? Es bedeutet meiner Meinung nach viel mehr, nämlich, dass jeder und jede das Recht bekommt, nach seiner und ihrer Begabung lernen zu dürfen und sich gleichberechtigt in den Unterricht einbringen darf.
Meine Schulzeit war zwischen 1970 und 1983. Ziemlich erschütternd finde ich, dass sich seither offenbar so gut wie nichts am Schulsystem verändert hat. Zu keiner Zeit ging es mir schlechter, als während meiner Schulzeit. Keine einzige meiner Begabungen wurde gefördert oder auch nur erkannt - im Gegenteil: als unsere Klasse ein Theaterstück aufführen sollte, bekam ich als einzige Rolle eine Statistenrolle ohne Text: Ich spielte den vorderen Teil eines Kamels...
Meine Talente waren und sind Beobachtungsgabe, soziale Kompetenz, Humor, Erfindungsreichtum. Ich liebte Gedichte und Geschichten vorzutragen, zu singen und mich frei zu bewegen. Nichts davon schien damals von Bedeutung. Schule langweilte mich extrem und zeitweise war es einfach unerträglich. Das meiste meiner Allgemeinbildung habe ich mir erst viel später angeeignet: Wenn ich nämlich über eine Theaterfigur auf eine bestimmte Zeitepoche stieß, wurde diese so interessant und spannend, dass ich alles darüber wissen wollte. Die Lust am Lernen fand ich erst im Erwachsenenalter.
Meine Lehrer waren zum großen Teil unkreative, eindimensional denkende Menschen. In meinen Kursen fällt mir immer auf, wie sehr wir von diesem Schulsystem negativ geprägt sind. Die meisten von uns können sich nur in ihren Defiziten sehen. Auch ich fühlte mich nach einem mäßig guten Schulabschluss wie ein Loser. Für mich war es undenkbar, diese Art von Lernen in einer Universität fortzusetzen, ich konnte mir nichts Langweiligeres und Uninspirierenderes vorstellen. Meine Schule vergab Preise für die Besten in Mathematik und Physik, für die mit den meisten Bestnoten. Einen Preis für soziale Kompetenz gab es nicht. Auch nicht für Humor oder Heiterkeit. Oder für meine Kommunikationsfähigkeit, meine Streitbarkeit, meine Diskussionsbereitschaft.
Im Grunde war ich lange der Meinung, dass ich nichts kann. Hätten wir damals in der Schule MitschülerInnen mit Behinderungen gehabt, wäre es mir sicher sehr gut gelungen, mich mit meinen Talenten einzubringen und zu zeigen, was ich kann. Ich stelle es mir sehr lebendig und kreativ vor, in Gruppenarbeit zu lernen und das Miteinander zu stärken. 
In meiner Workshoparbeit heute sehe ich immer wieder, wie groß das Bedürfnis der Menschen ist, sich auszutauschen und aneinander und durch einander zu lernen. Ich bin dann nur diejenige, die die Struktur vorgibt, alles andere geschieht von selbst.
Es funktioniert nicht nur bei Erwachsenen, es funktioniert ebenso bei Jugendlichen und ich bin fest überzeugt, es wird auch mit den Kleinsten so funktionieren, wenn wir nur damit anfangen. 
Wir alle haben im Leben schonmal zwei Sätze gesagt. Der erste ist: "Ich habe mich dort nie ganz heimisch gefühlt." So ist es mir in meiner Schulzeit gegangen. Ich empfand mich nicht angenommen, fremd.
Der zweite Satz ist: "Ich fühlte mich wie Zuhause, als ob ich schon immer dort gewesen wäre". So sprechen wir, wenn wir wahrhaft angenommen wurden, wenn wir sozusagen gelebte Inklusion erfahren. 
Unser tiefster Wunsch ist sicher, geliebt zu werden, so wie wir sind und für das wie wir im Innersten sind. Dazu müssen wir gesehen werden, unsere Talente erkannt werden. Diese Schätze auszugraben und zu fördern ist Aufgabe der Lehrer und Lehrerinnen. Eine schönere Aufgabe kann es nicht geben. Es steht außer Frage, dass dazu ein ganzes Schulssystem umgekrempelt werden muss. Doch irgendwann muss man anfangen. Es wird höchste Zeit.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Da wird ein Thema angesprochen, bei dem ich aus dem Nicken nicht herauskomme.
Meine Schulzeit war eigentlich ganz okay, doch bei meinen Kindern konnte ich genau das beobachten.
Das System ist schlecht, viele Lehrer sind es auch. Sie lehren nicht im Sinne der Schüler.

Ich erinnere mich an die ersten 4 Jahre in der Zwergenschule, 4 Klassen in einem Raum, eine Lehrerin. Die Älteren hatten einen Erstklässler mit zu betreuen, der ein bissl Lernschwierigkeiten hatte. Toll, finde ich im Nachhinein.
Man stelle sich heute mal vor. die Lehrerin unterrichtet die erste Klasse,die Klassen zwei, drei und vier arbeiten derweil an dem Stoff, den sie aufbekamen.
Was für eine Ruhe es damals in der Klasse war, welche Konzentration es brauchte.
Chapeau ... eine wirklich gute Zeit damals.