Wie jeder Inklusion einfordern kann

Mein Freund ist aufgrund seiner Mehrfachbehinderung auf Hilfe angewiesen. Seit ich ihn kenne, lerne ich immer wieder dazu, wie unterschiedlich diese Hilfe aussehen kann und was davon der Inklusion zuträglich ist, und was nicht.
Blind und tetraspastisch gelähmt, ist es ihm nicht möglich, allein aus dem Haus zu gehen und sich zum Beispiel neue Jeans zu kaufen. Es wurden ihm Hosen nach Hause gebracht, anprobiert und die, die passten wurden behalten, die anderen zurückgegeben. Praktisch und bequem für alle. Inklusiv? Nein.
Als wir uns kennenlernten und wir das erste Mal in einer Stadt zusammen bummelten, sah ich im Schaufenster einen Pullover. "Wow, der würde dir gut stehen!" entfuhr es mir. Er ließ sich den Pullover von mir beschreiben und beschloss spontan, ihn anzuprobieren. In den Laden hereinzukommen ging recht gut. Die Abteilung mit den Pullovern war ein Stockwerk weiter oben, einen Aufzug gab es nicht. Eine bereitwillige Verkäuferin brachte uns unterschiedliche Pullis und in einer eher knappen Umkleidekabine probierte er sie mit meiner Hilfe an. Das erste Mal seit langer Zeit konnte er selbst entscheiden, selbst wählen. Seine Freude darüber war den recht schweisstreibenden Aufwand wert. Unlängst kauften wir zusammen Hosen. Es gab in dem Laden keine Haltestangen und ich musste mir einiges einfallen lassen und improvisieren, um dem Mann beim Anprobieren zu helfen. Wir brauchten dafür sicher rund eine Stunde. Das Personal war erstaunt, etwas hilflos, dann aber auch voller Bewunderung. Wir machten den Geschäftsführer darauf aufmerksam, dass das Anbringen einer Haltestange nicht nur für Menschen mit Behinderung von Vorteil wäre, es wäre zusätzlich noch eine prima Möglichkeit, die Kleider, denen man sich entledigen muss, darüber zu hängen, statt sie auf den Boden fallen zu lassen. Er nahm diesen Vorschlag ernst, immerhin hatten wir drei Hosen gekauft und waren damit einträgliche Kunden. Man schenkte jedem von uns eine Flasche Mineralwasser, nach dieser fast schon sportlichen Leistung.
Natürlich wäre es bequemer und praktischer, sich die Kleider nach Hause schicken zu lassen und anzuprobieren. Doch mein Freund würde dann nicht aus dem Haus kommen, keinen Kontakt zu der "normalen" Welt haben, der Ladeninhaber wüsste nichts von den Bedürfnissen seiner Kunden und es wäre keine Inklusion, sondern Exklusion.
Heute Abend gehen wir in ein Konzert. Es wird im 2. Stock stattfinden und es gibt keinen Aufzug. Deswegen zuhause bleiben?  Kommt nicht in Frage!

Nachtrag: Das Konzert war wundervoll. Wir hätten es auch vom Erdgeschoss aus hören können, aber das wollte der Veranstalter nicht, die Akustik sei nur oben makellos. Vier starke Männer trugen den Mann mit Rollstuhl die Treppe hoch. Ich halte das zwar nicht für eine ideale Lösung, da eine solche Aktion immer mit Risiken verbunden ist. Dennoch war es eine Aktion des Miteinanders.

Nachtrag 2: Selbstverständlich ist "exklusives Handeln" manchmal unumgänglich, zumindest so lange, wie es in unserer Gesellschaft noch nicht die entsprechenden Maßnahmen gibt, die Inklusion mühelos verwirklichen lassen. Aber die Gesellschaft kann nur dann begreifen, was dazu notwendig ist, indem man sie die Erfahrung machen lässt.

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