Verantwortung und Unterscheidungskraft - sie gehen Hand in Hand


Heute vor 918 Jahren wurde Hildegard von Bingen geboren. Das möchte ich zum Anlass nehmen, über zwei Themen zu schreiben, die Hildegard wichtig waren:
Die Unterscheidungskraft und die Verantwortung.

Die Informationsflut, der wir heutzutage ausgesetzt sind, ist so enorm, dass es eigentlich nicht möglich ist, sich über die verschiedensten Themen wirklich eine Meinung zu bilden. Das hört sich widersprüchlich an, aber aufgrund von zu viel Information aus zu vielen Quellen, schafft es unser Geist kaum noch, etwas Sinnvolles zu filtern, geschweige denn, damit in eine gesunde Resonanz zu kommen. Ich beobachte (manchmal auch bei mir selbst), dass man sich oft einfach nur einer Meinung, die einem gerade sinnvoll erscheint, anschließt. Man bläst ins selbe Horn wie diejenigen, mit denen man sich einigermaßen verbündet fühlt.

Was ist gut, was ist schlecht?
Wie kann ich unterscheiden?
Ich soll, heißt es in gewissen Kreisen, nicht urteilen.
Muss ich nicht Haltung zeigen?

Der Mensch, so Hildegard, wurde von Gott ausgewählt, die Verantwortung für diese Erde, also für unsere Lebenswelt zu tragen. "Machet euch die Erde untertan" übersetzt Hildegard mit: "Tragt die Verantwortung für diese Schöpfung. Dafür gebe ich euch den freien Willen und die Unterscheidungskraft, sowie Intelligenz und Vernunft."
Verantwortung und Unterscheidungskraft sind eng miteinander verbunden, sie bedingen einander. Ich kann nicht verantwortlich handeln, wenn ich nicht unterscheiden kann, was gut ist und was schlecht. Und dennoch ist die Unterscheidungskraft viel viel mehr, als nur schwarzweiss sehen. Denn was für den Einen gut sein kann, ist für den Anderen schlecht.
Deshalb funktionieren pauschale Lösungen nie wirklich. Menschen sind verschieden und wir müssen uns tatsächlich immer wieder von Fall zu Fall, von Mensch zu Mensch neu entscheiden, müssen lernen zu unterscheiden, ohne in stereotypische Haltungen und Meinungen zu verfallen.
Wie geht das?
Es führt nichts, aber auch gar nichts an der Begegnung von Mensch zu Mensch vorbei. Vergesst Facebook, Twitter, Social Media - sie ersetzen euch nicht die echte menschliche Beziehung. Denn nur im Zwischenmenschlichen, wo sich zwei Menschen in die Augen sehen, geschieht das, wonach wir uns alle zutiefst sehnen: Resonanz, Verbundenheit.
Ich sehe immer wieder rührselige Videos und Geschichtchen im Internet, was fleißig weitergeleitet wird, weil es ach so berührt hat. Lasst euch von dieser Art künstlich hergestellter Gefühle nicht täuschen. Sie sind nur billiger Ersatz für eure Sehnsucht nach echten Erlebnissen, nach Nähe, nach Liebe, nach Mitgefühl.
Wir dürfen nicht verlernen, uns wahrhaft zu begegnen, uns echt zu berühren, deine Hand in meiner, dein Blick in meinem. Nur dann lernen wir einander verstehen, lernen zu unterscheiden, empfinden wir Verantwortung für uns selbst und den Anderen, der Teil ist dieser Schöpfung, dieser Welt.

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