Selbstbestimmt leben - wer es könnte!

Raul Krauthausen fragt aus gegebenem Anlass, was wir unter einem selbstbestimmten Leben verstehen.
Ich beobachte schon lange, dass nur ganz wenige Menschen selbstbestimmt leben, denn sie sind doch eher fremdbestimmt. Fremdbestimmt von Normen und Werten, die Familie oder Umwelt vorschreiben. Allzu oft ist das, was man meint, selbst gewählt zu haben, nur Anpassung, Ergebnis vom Wunsch anerkannt und akzeptiert zu werden. In der Pubertät ist vermeintliche Selbstbestimmung einfach eine Antihaltung. Auch ist man weder mit viel Geld frei und unabhängig noch mit wenig. Genauso schafft Bildung nicht unbedingt mehr Selbstbestimmung. Denn der Mut zum selbstbestimmten Leben ist eine Fähigkeit, die in erster Linie eine starke Persönlichkeit voraussetzt. Unsere Persönlichkeit wächst mit den Jahren und mit all den guten und schlechten Erfahrungen, die wir erleben. Ob sie uns stärker machen oder resignieren lassen, hängt sicherlich davon ab, ob wir eher optimistisch denken und fühlen können, oder im defizitären Erleben hängen bleiben.
Wollten wir, dass es mehr Selbstbestimmung gibt, müssten wir alle unsere Werthaltungen neu überdenken, ändern und eine freiere, vielfältigere, flexiblere Gesellschaft anstreben, in der jeder Einzelne als gleichwertiges Mitglied anerkannt wird, ganz egal, wie sehr er sich unterscheidet.
Zu einem selbstbestimmten Leben gehört für mich natürlich dazu, dass ich wählen darf, wo und mit wem ich leben will. Dieses Recht sollte auch schon Kindern gewährt werden. Menschen mit Behinderung sollten selber entscheiden dürfen, ob sie in einer Wohnung leben oder in einer Einrichtung. Genauso mit Bildungseinrichtungen: wählen dürfen, was man möchte, denn was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.
Jeder Beruf müsste genug Geld einbringen, damit man davon leben kann - gleichgültig, wieviele Stunden jemand fähig ist, zu arbeiten. Ein Grundeinkommen scheint da eine Lösung zu sein, die Frage ist nur, ob wir das mit der momentanen Werthaltung tragen könnten, wo das vorherrschende Bestreben immernoch das ist, den Menschen durch manipulative Handlungen soviel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Denn auch was Werbung angeht, sind wir doch (Hand auf's Herz) selten selbstbestimmt.
Bis Gesetze sich ändern, ganze Gesellschaften eine Kehrtwendung machen, vergehen Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Es lohnt sich dennoch, dafür zu streiten, sich zu engagieren, wie Raul es tut und viele andere auch.
Es lohnt sich, nicht aufzugeben, auch wenn sich wenig zu bewegen scheint. Das, was sich bewegt, ist oft nicht sofort sichtbar, denn es bewegt sich in den Herzen. Selbstbestimmt leben bedeutet nämlich in erster Linie, seinem Herzen zu folgen, ganz egal, was andere davon halten. Zu tun, was getan werden muss. Mutig sein und manchmal auch nicht brav. Dinge trotzdem zu tun, auch wenn das Gesetz dafür noch nicht existiert. Vorleben, was möglich sein könnte. Wir brauchen Vorbilder, Menschen, die heute und jetzt leben und sich einsetzen für eine gerechte Welt.
Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal an den Film "Unter Wasser atmen - das zweite Leben des Dr. Nils Jent" erinnern. In diesem Dokumentarfilm wird vor allem eines deutlich: Wieviel man erreichen kann, wenn man die Normen durchbricht und seinem ureigenen Weg folgt. Nils Jent hat schon vor 36 Jahren Inklusion eingefordert, wo es dieses Wort noch gar nicht gab. Das sollte uns alle ermutigen.

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