Mitgefühl - eine Frage der Selbstannahme?


Seit einiger Zeit möchte ich über dieses Thema schreiben, doch wollte es nicht so recht gelingen. Meine Tastatur, mein Bildschirm - sie schienen dieses komplexe Thema nicht annehmen zu wollen, oder etwas in mir spürte, dass ich dazu von Hand schreiben muss. Es wird etwas länger, als üblich, ich hoffe, ihr bleibt dran.
 
Ich beginne bei einer Szene sehr früh in meiner Kindheit. Etwa drei Jahre alt muss ich gewesen sein. Was davor oder danach war, erinnere ich nicht mehr, aber dass ich auf einer nassen Wiese stand, ist mir deutlich vor Augen. Um mich herum im Kreis etwa fünf Kinder, alle älter und größer als ich.
Sie schubsten mich ins feuchte Gras und lachten dabei laut. Ich stand auf und sie schubsten mich abermals. Wieder stand ich auf, doch noch nicht mal ganz auf den Beinen, wurde ich erneut auf den Boden zurückgeworfen. Das höhnische Gelächter hallte in meinen Ohren. Mein Po war nass und tat weh. Ich war sehr wütend. Wieder und wieder versuchte ich aufzustehen und wegzulaufen, doch jedesmal wurde ich umgeworfen. Meine Wut wandelte sich in schiere Verzweiflung, in hoffnungslose Ohnmacht, der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzulösen und Tränen rannen über mein Gesicht. Die Kinder lachten, als wären sie in einem Buster Keaton Film. Es schien endlos so weiterzugehen. Wann es aufhörte, weiß ich nicht mehr. Geblieben ist jedoch die Erinnerung an den kalten, nassen, schmerzenden Po, verbunden mit einer unaussprechlichen Ohnmacht, die sich über Geist und Seele gelegt hatte, wie ein schwerer Teppich. Ein Gefühl, das bis heute jederzeit abrufbar ist.
...und dennoch...
Einige Jahre später gab es eine ganz andere Szene. Vom Land in die Stadt gezogen, spielten wir Kinder nicht mehr im Garten, sondern in einem Hinterhof. Unter den Nachbarskindern gab es einen Jungen mit Downsyndrom. Weder kannten wir dieses Wort, noch wussten wir, was das war. Wir bemerkten nur, dass Norman anders war. Es belustigte uns, dass seine Mutter ihm immernoch Strampelhosen anzog, obwohl er sechs Jahre alt war. Er war so alt wie wir und benahm sich aus unserer Sicht "bescheuert". Norman wollte immer mitspielen, aber ich fand, dass er ein Spielverderber war, weil er keine Spielregel verstand. Manchmal heulte oder schrie er grundlos und irgendwann gab ich ihm eine schallende Ohrfeige und sagte: Mit dir spielen wir nicht!
Im selben Moment wurde mir klar, dass ich etwas ganz Schlimmes getan hatte, was absolut nicht in Ordnung war. Mir wurde schrecklich heiss. Norman rannte heulend weg mit den Worten: Das sag ich meiner Mama!
Scham überflutete mich, ich wollte nur noch unsichtbar sein und stolperte in das 5-stöckige Mietshaus, rannte die Treppen hoch bis zum Speicher, wo ich mich in einer dunklen Ecke versteckte. Im Treppenhaus hörte ich die Mutter von Norman bei uns klingeln. Sie erzählte meiner Mutter, was ich getan hatte und mir wurde schlecht. Meine Mutter stellte mich später zur Rede: Hast du das wirklich getan? Ich antwortete: Nein, das war ich nicht.
 
Nun bin ich Schauspielerin geworden und dieser Beruf lebt davon, sich einfühlen zu können. Wenn mir jemand sagt: "Sowas kann man sich nicht vorstellen, wenn man es selbst nicht erlebt hat.", halte ich das stets für eine Verweigerung, sich auf Mitgefühl einzulassen, bzw. seinem Gegenüber Mitgefühl zuzugestehen. Für Mitgefühl bedarf es ein hohes Maß an Eigenreflektion, an Selbstakzeptanz, an Selbstliebe, sowie die Fähigkeit, erfahrene Emotionen wiederzubeleben. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist eine große Aufgabe, weil wir uns anschauen müssen in unserer ganzen Unvollkommenheit, mit all unserer Angst und unseren Schatten. Mich dem Mitgefühl, also auch der Selbstliebe zu verweigern, führt mich direkt in eine Täterrolle, in eine Übergriffigkeit. Sie gaukelt mir vor, stark zu sein, vertuscht, dass ich nicht die Größe habe, mich meinen eigenen Schwächen und Ängsten zu stellen und erspart mir den Frust, den eine Opferrolle mit sich bringen könnte.
Mein Beruf fordert mich täglich heraus, mich meiner Intoleranz zu stellen. Mein Machtanspruch, der genauso geltungssüchtig ist, wie meine Liebe und Hilfsbereitschaft es nicht sind. Ich bin beides. Ich versuche beide Seiten in mir zu verstehen und anzunehmen. Der Schauspielerberuf braucht geradezu diese Gabe. Nur dann bin ich fähig ein Opfer wie einen Täter zu spielen, zu sein.
In der Schauspielarbeit gibt es keine guten und schlechten Rollen. Wir brauchen diese unterschiedlichen Charaktere, damit das Stück gespielt werden kann. Dazu muss ich meine Rolle ständig befragen, um zu verstehen.
Und so ist es mit dem Mitgefühl. Um zu verstehen, muss ich fragen und mich dabei meiner eigenen Gefühlswelt öffnen, sie ansehen und nachforschen. Was sind meine wahren Beweggründe für mein Fühlen und Handeln? Wir brauchen eine tiefe Verbundenheit zu uns selbst, ohne uns dabei für den Nabel des Universums zu halten. Nur zu fordern, dass der andere mich verstehen muss, genügt nicht. Ich muss auch den anderen verstehen lernen, so unmöglich das scheint. Doch mein eigener Schatten hilft mir dabei. In diesem Sinne wünsche ich mir für uns alle im Umgang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen mehr Mut zum SELBST - BEWUSSTSEIN.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Jeder ist sich selbst der Nächste ... wie oft habe ich das schon gedacht.
Mitgefühl fordert ein vieles an sozialer Kompetenz und manchmal habe ich das Gefühl, zu viel davon zu besitzen.
Nun lese ich Deinen post und werde still, gehe in mich. Selbstliebe ... daran mangelt es mir ein wenig.
Mit fühlen tue ich oft, doch in meinem Beruf muss ich es mitunter ausschalten, es macht mich krank und manchmal hilflos.
Dennoch halte ich es für ungeheuer wichtig, dass Du da hier aufgeschrieben hast.
Es führt bei mir zur Selbstreflektion, lässt mich eine Weile innehalten und es läßt ein Lächeln zu.
Der Himmel ist trübe und die Gedanken verweilen einen Augenblick im wolkenverhangenen Himmel ...
schweifen ab zu Ereignissen vergangener Tage und lassen den Tag ruhig zu Ende gehen.
Danke.