Lissabon - zwischen Glück und Melancholie


Einen fremden Ort kennenzulernen, ist im Grunde ähnlich, wie einen Menschen kennenlernen. Um wirklich den Ort zu erfassen, braucht es Jahre. Als ich letztes Jahr für zwei Tage in Lissabon war, nahm ich mir vor, zurückzukehren, um dieser Stadt ein wenig näher zu kommen.
Nun waren wir dort, Lone und ich, eine knappe Woche. Mit Lone zu reisen ist natürlich doppelt spannend. Die Eindrücke sind tief, am Ende waren wir ziemlich erschöpft und das kam nicht nur vom kilometerlangen Gehen über alle Höhen und Tiefen, die diese Stadt im wahrsten Sinne des Wortes bietet. Hier gibt es so viele Gegensätze. Wirkt die Stadt erst freundlich, hell und strahlend, kann sie dich, um die nächste Ecke gebogen, schon morbid, düster und grimmig anmuffeln. Doch das dauert nicht lange. Viel zu farbig und lichtvoll ist es und überall locken wundervolle Aussichtspunkte, die Lissabon  im Ganzen zeigen, mit aller Farbigkeit und Vielfalt. Es gibt hochmoderne Gebäudekomplexe, die mit teuren Geschäften locken, für die es jedoch kaum Kunden zu geben scheint, dann wieder abgeblätterte, alte, nahezu verfallene Häuser mit winzigen kleinen Läden und Pastelerias (ich sag nur: Kuchen, Kuchen, Kuchen!). Hier findet das Leben statt, hier trinkt man Kaffee, plaudert und zieht weiter.
Wunderschön die Azulejos, die bunten Keramikfliesen an den Häuserfassaden, die das Licht so glitzernd und betörend reflektieren. Und jeden Tag strahlender Sonnenschein - wir hatten so ein Glück.
Es gab nur einen wirklich dunklen Moment: Beim Betreten einer Kirche spürten wir unabhängig voneinander ein ungutes Gefühl. Es war eine schlimme Beklemmung, ähnlich der wie ich sie hatte, als ich in Dachau das KZ besucht hatte. Es lag nicht daran, dass diese Kirche keinen Prunk bietet und bewusst nicht renoviert ist. Wir spürten, dass etwas sehr Düsteres und Unheimliches in ihrer Geschichte liegt. Erst später habe ich herausgefunden, dass dort die Inquisitionsurteile gefällt wurden und schlimmste Verbrechen begangen wurden. Wir hatten danach keine große Lust mehr, Kirchen zu besichtigen, obwohl es sehr prächtige davon in Lissabon geben muss.
Doch wenn man das einzigartige Licht dieser Stadt spürt, möchte man sowieso nur draußen sein und genießen. Die Menschen sind von ausgesprochener Freundlichkeit und Höflichkeit, auch wenn es vielen nicht so gut zu gehen scheint. Viele Obdachlose und Bettler humpeln durch die Gassen oder sitzen vor den Kirchen.
So pendelt man gefühlsmäßig zwischen Glück und Melancholie.
 

Den besten Schokoladenkuchen der Welt mit dem besten Mangoeis aller Zeiten haben wir im Mercado da Ribeira bekommen. Dazu einen starken Espresso, ölig und schwarz mit viel Zucker. Das war Glück pur. Lissabon - man müsste ein Jahr dort verbringen.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Lissabon ... da war ich noch nie. Leider.
Lese mit Genuss, welchen Eindruck sie auf euch gemacht hat.
Alle Städte haben ihre Schattenseiten und überall scheint sich die Armut auszubreiten. Der Architektur bröckelt der alte Charme ab und verleiht ihr Neuen. Bei Menschen ist das leider nicht so einfach.