Traditionen - warum nicht alles beim Alten bleiben muss

 

So kurz vor Weihnachten sind wir fast alle mehr oder weniger mit Traditionen beschäftigt. Entweder halten wir sie ein, oder brechen sie. Wie sinnvoll sind Traditionen?
In meiner Kindheit gab es selbstverständlich immer einen Tannenbaum, den ich mit meinen Geschwistern, meist mit meinem kleinen Bruder, schmücken durfte. Es war ein sehr feierlicher Moment, wenn wir die Kerzen anzündeten, die Lichter brannten, mein Vater Klavier spielte und meine Schwester ihn begleitete. Als wir Kinder etwas älter wurden, uns mit ökologischen Themen und Umweltschutz beschäftigten, wollten wir keinen abgeschlagenen Tannenbaum mehr haben. Unser Vater kaufte also einen zum Einpflanzen. Doch hätten wir das jedes Jahr so getan, wären wir bald im Schatten eines kleinen Waldes Zuhause gewesen. So baute mein Vater eine Krippe aus Holz, wir legten Stroh hinein und eine Puppe, es wurde darüber ein leuchtender Stern aufgehängt und somit war eine neue Tradition geboren: Krippe statt Baum - was ja eigentlich auch viel sinniger ist.
Noch heute tut mir jeder abgesägte Baum leid und ich bin froh, in einer Familie groß geworden zu sein, wo man mit solchen Traditionen kreativ umgegangen ist.
 
Traditionen sind sicher oft ein Mittel, um Sicherheit, Geborgenheit zu finden, sowie das Bewahren der Erinnerung an die, die vor uns waren, und das, was ihnen wichtig war. Es ist gewissermaßen eine Art Ahnenkult. Wenn es bei uns schon zu Lebzeiten meiner Ururgroßmütter und - Väter ein bestimmtes Gericht an Weihnachten gab und uns das heute immernoch schmeckt, dann ist das wunderbar. Ist es aber ein Gänsebraten und der überwiegende Teil der Familie ist Vegetarier, dann macht es wenig Sinn. Dies nur als symbolisches Beispiel.
Ich finde, Traditionen sind etwas, die immer wieder neu überprüft und hinterfragt werden sollten. Wir dürfen sie verändern, erneuern, erweitern. Denn die Zeiten verändern sich, wir verändern uns, unser Bewusstsein verändert sich - und deshalb auch unsere Gewohnheiten und Traditionen. Wenn nun Menschen aus anderen Kulturen mit uns Weihnachten feiern, haben wir die Chance, neue Traditionen kennenzulernen. In Hawai´i habe ich erfahren, dass ein Mix aus unterschiedlichsten Kulturen zu einer neuen Vielfalt von kulturellem Leben führt. Mag sein, dass sich alte Traditionen mischen, vielleicht wird sogar altes Wissen erstmal vergessen. Dennoch: Es kommt die Zeit, wo man das alte Wissen neu entdeckt und mit einem gewissen Abstand auch völlig neu sehen lernt.
Mir geht es gerade so mit alten Kirchenliedern oder Gebeten: Wenn Gott die Liebe ist, dann können wir in jedem Gebet, in jedem Lied das Wort Gott oder Herr mit Liebe ersetzen. In dem Moment geht eine ganz neue Welt auf.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes Fest mit lebendigen Traditionen aus aller Welt, die unsere Herzen und Sinne erfreuen und glücklich machen.

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