Alles nur Märchen?

 
 
Als ich heute sehr früh am Morgen aus dem Fenster sah, erschien mir eine "Lichtgestalt". Es war kein Regenbogen, eher so ein senkrechtes Morgenrot. Wenn es Engel gibt und diese sich uns zeigen wollen, dann geht das ja eigentlich nur, indem sie die Naturgesetze nutzen, denn sonst könnten wir sie nicht wahrnehmen.
Während ich also den Morgenengel betrachtete, musste ich an die letzte Stunde mit einer Klientin denken, wo wir uns über das Märchen Rapunzel unterhalten hatten, denn dieser Strahl erinnerte mich an das Haar von Rapunzel. Wie beginnt das Märchen?, fragte ich meine Klientin. Sie konnte es mir nicht sagen. Wie die Meisten, die das Märchen von früher kennen, erinnerte sie sich  an das lange Haar, das Rapunzel von ganz oben aus einem Turm herunterfallen lässt und natürlich an den Prinzen, der daran hochklettert. Aber wie beginnt das Märchen - und wie endet es?
 
Eine Frau schaut aus ihrem Fenster in einen blühenden Garten und sieht dort Rapunzeln (Feldsalat), auf die sie wahnsinnig Lust bekommt. Irgendwie sieht sie sich aber nicht imstande, sich diese Rapunzeln selbst zu pflücken und schickt ihren Mann. Der holt ihr den begehrten Salat und sie isst ihn mit Begeisterung und auch mit Gier ganz auf. Sie will natürlich noch mehr davon und schickt immer wieder ihren Mann. Man wundert sich, warum sie nicht selbst geht. Aber da es nicht ihr eigener Garten ist, soll doch lieber der Mann für sie klauen gehen und so hat sie denn auch nicht die Verantwortung zu tragen, als ihn schließlich eine böse Zauberin erwischt und ihn ziemlich in den Senkel stellt. Sie verlangt von ihm, dass das Kind, was die Frau bald bekommen wird, gleich nach der Geburt zu ihr kommt. Der Mann (eine echte Memme, wenn ihr mich fragt), willigt ein. Komisch, hier schiebt jeder dem anderen die Verantwortung zu: Die Frau am Fenster will nicht klauen gehen, der Mann sagt, ich hab´s ja nur gemacht, weil meine Frau es gesagt hat...
Kurz und gut, das Kind, die schöne Rapunzel, wächst bei der Zauberin auf, die sie in einen Turm sperrt. Dort muss es stinklangweilig sein, öde bis zum Gehtnichtmehr. Was soll man auch machen ohne Ipad in einem doofen Turm? Sie flechtet sich die Haare, singt ein bisschen vor sich hin und lässt ab und zu die Haare runter, damit die Alte sich daran hochhieven kann, um ihr was zu essen zu bringen. Gut, dass irgendwann ein Prinz auftaucht, der den schönen Gesang hört. Und er bekommt mit, wie der Code lautet, damit er zu dieser Frau mit der schönen Stimme klettern kann: Rapunzel, lass dein Haar herunter. Die ist ziemlich erstaunt und voller Begeisterung, dass statt der Alten ein schmucker Kerl vor ihr steht und die Langeweile ein Ende hat. Anders als ihre Mutter, hat Rapunzel keine Lust, immer nur am Fenster zu hängen und von einer besseren Zukunft zu träumen. Und auch der Prinz ist kein Waschlappen. Die beiden machen Nägel mit Köpfen, sie wollen durchbrennen. Er verspricht, beim nächsten Mal eine Strickleiter mitzubringen, damit sie sich abseilen können.
Blöderweise verplappert sich Rapunzel aber vor der Alten - oder sie wollte ihr einfach vor den Latz knallen, dass sie, trotz Turm und Eingesperrtsein, einen richtig heißen Typen kennengelernt hat.
Die Alte rastet natürlich aus und ritschratsch schneidet sie Rapunzel die Haare ab und will ihr damit jede Attraktivität nehmen, denn klar, sie ist eifersüchtig. Sie jagt sie davon, soll sie doch schauen, wie sie ohne die Alte mit ihrem Leben zurecht kommt!
Der Prinz ist geschockt, als er statt seiner lieblichen Braut die alte boshafte Hexe trifft, die ihn hinterhältig mit den abgeschnittenen Haaren von Rapunzel getäuscht hat. Er stürzt sich aus dem Turm, wo er in Dornen hängenbleibt, die ihm die Augen zerkratzen, bis er blind ist. So stolpert er nun ewig lange durch den Wald, bis er seine Rapunzel trifft, die inzwischen Zwillinge geboren hat. Die beiden sind jetzt zwar etwas lädiert, haben einige Wunden und Schrammen, aber umso mehr Lebenserfahrung. Sie wollen sich immernoch und so bleiben sie zusammen und ich wette, sie wurden selbstverantwortliche Menschen und hatten es weder nötig, jemand anderen vorzuschicken, noch jemanden einzusperren.
Und wer jetzt Parallelen zum wirklichen Leben sieht, liegt gar nicht so falsch.

1 Kommentar:

Claudia hat gesagt…

Liebe Petra,

wie schön - am Abend ein Märchen. Danke. Und morgen früh schau ich nach den Paralleln zum Leben.

Liebe Grüße

Claudia