Ungehindert reisen Teil 6 - Ja das Meer ist blau so blau!

 
 
Ich mag es, wenn es eine Vielfalt an Landschaften gibt. Einerseits die Berge, Hügel und Täler, Bäche und Flüsse und dann nur wenige Kilometer weiter das offene rauschende, betörende Meer mit Wind und salziger Luft. N. war in jungen Jahren ein hervorragender Schwimmer, sein Element war das Wasser und so zog es uns natürlich auch zu den Stränden. Das Schwierige an dieser Unternehmung ist, dass es mit Rollstuhl einerseits ein Vorteil ist, wenn Strände touristisch erschlossen sind, weil es dann einfacher ist, jemanden zu finden, der hilft. Zudem gibt es Holzstege in den Sand, worauf man recht gut mit dem Rollstuhl fahren kann und zu einer Liege mit Sonnenschirmen kommt.
Andererseits ist es viel schöner, irgendwo an einem Naturstrand zu liegen, abseits vom touristischen Rummel, die Wellen plätschern hören, den heißen Sand unter den Füßen spüren, Möwenkreischen. In Salema, an der südwestlichen Küste vom Algarve, gab es einen kleinen, goldgelben Strand, der bewacht war, eine Behindertentoilette hatte und sogar einen Strandrollstuhl. Damit kann man mit geschulten Baywatchern ins Wasser. Doch behauptete man, der Stuhl habe defekte Rollen - was ich nicht so recht glaubte, vielmehr schien es mir, dass die beiden sehr freundlichen Strandwächter angesichts N.s Behinderungen großen Respekt hatten. Sie halfen uns, zu einer Liege zu kommen. Dort führten wir dann unser kleines Tänzchen auf: Ich halte N. an den Händen und ziehe ihn aus dem Rollstuhl. Sobald er steht, dirigiere ich ihn mit Worten in die jeweilige Richtung, und er folgt in kleinen Schrittchen meinen Anweisungen: "Schritt, Schritt vor, rechts, rück, rück, stop. Seit, seit. Sitz." Je nach Laune machen wir daraus ein kleines Schauspiel und haben an den Reaktionen des Publikums unseren Spaß. Von Staunen, Schmunzeln, Weggucken bis facebookmäßigem Daumenhoch ist alles dabei. Da ich nunmal Schauspielerin bin, macht mir das Auffallen meistens nichts aus. Doch es gibt auch Situationen, wo es anders ist. Wenn die Kräfte etwas aufgebraucht sind, die Nerven nicht mehr die stärksten, dann sind die stummen Blicke eher belastend.
Was würde helfen? Ich glaube, statt stummer Blicke, die ja eher ausgrenzend  wirken, wären einfach ein paar Worte schön, sodass man sich wieder eingebunden fühlt. Das kann was ganz Banales sein wie: "Nicht schlecht, wie Sie beide das machen!" Oder: "Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie ruhig Bescheid." Oder schlicht und ergreifend einfach die Frage stellen, die einem sowieso auf der Zunge liegt. Manchmal will jemand helfen und greift beherzt, ohne lange zu fackeln N. unter die Arme, was eher nicht so hilfreich ist. Viel lieber ist uns die Frage: "Wie kann ich helfen". Aber schon ein freundliches Lächeln, ein Türaufhalten ist oft Hilfe genug.
In den letzten Tagen unseres Aufenthaltes entdeckten wir noch einen feinsandigen Strand mit glitzernd blauen Wellen, der mit Stegen über die Dünen führte, sodass einerseits die wild bewachsene Dünenlandschaft geschützt wurde, und andererseits es ganz leicht war, mit unserem Snoll-On Rollstuhl weite Spaziergänge zu machen bis zu einem Strandabschnitt, wo niemand mehr war. Dann einfach nur dasitzen, nichts sprechen, genießen, da sein. Die Weite der Landschaft in sich aufnehmen und jede Begrenzung dadurch durchbrechen.
Ungehindert reisen bedeutet frei sein in dir selbst.


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