Ungehindert reisen Teil 5 - Kopfsteinpflaster und andere Hürden


Wenn ich früher in meinem Beruf als Schauspielerin auf der Bühne stand, hatte ich Lampenfieber. Was ich nun des Öfteren habe ist Rampenfieber! Ich suche nämlich fieberhaft nach Rampen, um N. sicher und ohne dass er aus dem Rollstuhl zu fallen droht, über all die Bordsteine, Kanten und Stufen zu bringen. Was spannend ist zu beobachten: Es gibt immer mehr Rampen, auch in Portugal, aber oft sind sie zu steil oder aber werden, wie am Flughafen, als Komfortzone für Leute mit Rollköfferchen von Nichtbehinderten frequentiert. Ich hatte manches Mal Mühe, N. durchzulotsen. Ebenso die Aufzüge: Vollgestopft mit Menschen ohne Behinderung, die erstaunt auf uns schauen: "Was, ihr wollt auch noch mit? Ihr passt aber nicht mehr rein" - und nachher sehe ich dieselben Leute am Strand joggen, denn sie müssen ja was für die Fitness tun.
Wieder auf uns allein gestellt, beschlossen wir, die Markthalle in Silves zu besuchen. Es gab einen Parkplatz, von wo aus man ohne Steigungen gut zur Markthalle kam. Da wir etwas spät dran waren, war nicht mehr so viel los, was nur gut ist, denn zu viel Lärm und unterschiedliche Geräusche sind für N. oft irritierend. So konnten wir gemütlich von Stand zu Stand gehen, süße Feigen einkaufen, leckeren Frischkäse, Knoblauch, Tomaten, etwas Süßes. Ich war begeistert von der kleinen, sehr ursprünglichen Stadt mit der imposanten Festung, den bunten Häusern und den buckligen Gassen. Doch wie bucklig, das wurde mir erst bewusst, als wir mit dem Rollstuhl stecken blieben, als ich schwitzend versuchte, N. über die Straße zu schieben, er fast kippte, ich kaum noch die Kraft hatte, ihn zu halten. Ich fühlte die Blicke der Leute, manche mitleidig, manche vorwurfsvoll, so, als ob sie sagen wollten: Der arme Mann, was diese Frau ihm auch zumutet. - Oder bildete ich mir das nur ein? Ich war jedenfalls am Ende meiner Nerven, parkte N. im Schatten, denn die Sonne prallte mit gut 35 Grad auf uns nieder und wir hatten uns noch nicht so gut an die Hitze gewöhnt, war es doch in Deutschland fröstelig kalt gewesen.
Ich holte tief Luft - aber zu spät. Die Tränen rollten mir hemmungslos übers Gesicht, ich konnte einfach nicht mehr. N. schaute ganz betroffen und meinte nur: "Kopf hoch, das Leben geht weiter", worauf ich einen Lachanfall bekam, ohne dass die Tränen stoppten. Eine Portugiesin kam auf mich zu, küsste mich und sagte: "I love you!" Dann knutschte sie N. auch noch ab und schwupp war sie wieder weg. Nachdem sich die Spannung bei mir entladen hatte, vereinbarten wir, dass N. im Schatten bleibt, während ich noch etwas bummle.
Damit war der Tag schon kräftemäßig aufgebraucht. Wir fuhren zu unserem gemütlichen Haus und machten es uns auf den Liegen auf der Terrasse im Schatten bequem. Es wurde abends lange nicht dunkel, aber mein Schlafbedürfnis ließ sich davon wenig irritieren. :-)

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