Du bist kein Gemüse!

"In meinem Kopf ein Universum" ist ein beeindruckender Film über einen jungen Mann, der seit Geburt an einer zerebralen Bewegungsstörung leidet. Er kann seine Bewegungen nicht richtig steuern, kann nicht gehen, nicht allein essen, nicht sprechen. Kurz: seine Möglichkeiten, sich auszudrücken sind so reduziert, dass seine Umgebung glaubt, er sei auch geistig behindert. Die Ärztin sagt zur Mutter: Er ist nicht mehr als ein Gemüse.
Jahrelang wartet der Junge auf die Möglichkeit, zu beweisen, dass in seinem Kopf alles richtig läuft, dass er versteht und intelligent ist. So gibt es eine Szene, die unter die Haut geht: Seine Mutter sucht nach einer Brosche, die sie verloren hat. Da Mateus aufgrund seiner Behinderung fast immer am Boden robbt, hat er die Brosche längst entdeckt, sie liegt unter dem Sofa. Er robbt aufgeregt in Richtung Sofa, gibt unverständliche Laute von sich, doch niemand begreift, was er meint, im Gegenteil, alle denken, er habe einen "Anfall" und man schiebt ihm einen Knebel in den Mund, damit er sich beruhigen soll.
 
Menschen wollen sich ausdrücken. Wenn die Ausdrucksfähigkeit verhindert wird, ist es schwer, einen Sinn im Leben zu finden. Es macht verzweifelt und hilflos.
 
Als ich nach dem Film am nächsten Tag in der Stadt war, erlebte ich etwas Zauberhaftes. Ich stand in einem Weltladen, als ein Baby mörderisch zu schreien anfing. Der Vater versuchte verzweifelt, dem Kind einen Schnuller in den Mund zu stopfen. Mich erinnerte das an die Szene, die ich am Vortag im Kino gesehen hatte. Ich ging zu dem Kinderwagen. Das Baby war höchstens drei Monate alt. Ich sah ihm in die Augen und fragte ganz ruhig: "Was ist denn los? Willst du uns etwas sagen? Gefällt es dir hier nicht?" Die Kleine, es war ein Mädchen, hörte schlagartig auf zu weinen und sah mich aufmerksam an. "Ja", fuhr ich fort, "hier gibt es tolle Sachen zu kaufen. Hast du gesehen?" Sie schien zu nicken. Dann runzelte sie die Stirn, zeigte irgendwohin. Lone kam dazu. Nun betrachtete sie uns aufmerksam. Schließlich verabschiedete ich mich von ihr. Sie hob ihre kleine Hand, als wollte sie winken und gluckste und gurgelte mir etwas hinterher, als wollte sie sprechen. Der Vater war völlig verdutzt. Sein Kind war plötzlich ruhig und zufrieden!
 
Ja, nur weil uns die Ausdrucksfähigkeit fehlt, sind wir doch noch lange kein Gemüse!

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Wahrgenommen werden auch ohne Worte... Der Mensch hat es verlernt, sich nonverbal zu artikulieren und schlussendlich auch verlernt, dies zu verstehen.
Pantomieme als Verständigung, da gab es ein Spiel in der Kindheit. Es war anstrengend und man freute sich wie Bolle, wenn man kapiert hatte, was der Andere darstellte.
Im Leben ist das verloren gegangen. Gemüse im Kopf, das haben die Anderen.
Ein klasse Tip, den Film würde ich mir gerne anschaun.
Lieben Gruss
sissi