Butoh - mein zweiter Versuch. Ja!


Sieben Jahre ist es her, dass ich es zum ersten mal versuchte: Butoh tanzen! Wie schwer ich mich dabei tat, berichtete ich damals hier 
Nun ergab sich bei den Theatertagen am See die Möglichkeit, es noch einmal zu wagen. Ganz anders als in Berlin, waren wir diesmal eine kleine Gruppe von 12 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, und, was das Schönste war, in ganz unterschiedlichem Alter, zwischen 18 und über 70 Jahren!
Wenn ich damals vor 7 Jahren dachte, Butoh tanzen - das kann ich nicht, so denke ich jetzt: Butoh tanzen können alle, die den Mut zur Wahrhaftigkeit haben.
Butoh tanzen bedeutet zunächst unausweichliche Ehrlichkeit mit sich selbst. Nur wenn der Tänzer sich selbst erreicht, wird er den Zuschauer erreichen können! Er schmeißt sich mit seinem ganzen Wesen in das zu porträtierende Thema.
Er öffnet die Fenster seiner Seele und sagt: "Willkommen in der inneren Wirklichkeit!"

Es war diesmal keine Frage der körperlichen Fähigkeit, denn unser Lehrer Olek Witt ließ uns die Freiheit, das eigene Maß zu finden, selber zu entscheiden, wieviel Energie und Kraft wir einsetzen wollten. Butoh ist Ausdruckstanz pur, verlangt aber den Blick in die Tiefe, fordert das Instinkthafte heraus und bricht Tabus. Es war faszinierend sämtliche Bewegungen in einer unendlichen Langsamkeit auszuführen. Fünf Meter gehen in sieben Minuten! Das ist zunächst anstrengend, dann beruhigend, am Ende empfand ich es wie ein mystisches Erlebnis. Ähnlich wie in der Stille, wird man dabei zurückgeworfen auf sich selbst. Es wird plötzlich so klar, dass unser schnelles aufgeregtes Leben eine fortwährende Ablenkung ist.


Am zweiten Tag entschieden wir uns, draußen zu tanzen, denn Butoh ist auch ein Tanz mit den Elementen, allen voran dem Wasser. So zog es uns zum See. Es war ein kalter aber sonniger Tag und ich hatte eigentlich nicht vor, barfuß zu gehen. Aber dann war es gar nicht anders möglich. Die unendliche Langsamkeit und somit Bewusstheit jeder Bewegung, jeder Berührung mit dem Boden war vitalisierend, erwärmend und ließ uns alles vergessen. Skurril bewegten wir uns auf dem mit weißen, getrockneten Algen bedeckten Bodenseestrand. Jede Welle schien überdimensional laut zu plätschern, das Umfallen einer Plastiktrinkflasche hatte seine ganz eigene Dramatik.
Sich so unverfälscht an sich, den eigenen Körper und an die Natur hinzugeben, ist eine Herausforderung, besonders in der heutigen Zeit, wo wir uns fortwährend zusammennehmen sollen und das Wilde, Ungezähmte, unterdrücken müssen.
Schamgefühle tauchen auf - doch die muss man beim Butoh nicht haben. Olek Witt hat es verstanden, uns die Ängste zu nehmen und mit Humor und innerer Freiheit den eigenen Impulsen zu folgen. Ein ausgesprochen inspirierendes Wochenende aus dem ich lange schöpfen werde!

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