Warum nichtbehinderte Schauspieler Menschen mit Behinderung darstellen dürfen und sollen

Mehrmals habe ich nun schon in verschiedenen Foren gelesen, dass man sich darüber beschwert, dass in Filmen, wo es u.a. auch um Menschen mit Behinderung geht, diese von Schauspielern dargestellt werden, die keine Behinderung haben. Das würde der Inklusion widersprechen.
Ich bin da ganz anderer Meinung. Ein Schauspieler hat diesen Beruf gewählt, weil er sich in andere Menschen hineinversetzen möchte. Ich finde es als Schauspielerin spannend, jemand ganz anderer zu sein, herauszufinden, wie derjenige sich wohl fühlt, was er denkt, wie er handelt. Es ist meine Neugier und meine Liebe zu den unterschiedlichen Menschen, mein Wunsch am Verstehenwollen.
Wenn ich also die Chance bekomme, einen behinderten Menschen darstellen zu dürfen, dann ist dies nicht nur eine große Herausforderung, es ist auch eine Ehre und ein Privileg, dass man mir diese Aufgabe zutraut.
Ein guter Schauspieler wird sich gewissenhaft vorbereiten. Gespräche mit Betroffenen finden statt, die sonst nie stattfinden würden!
Ein hervorragendes Beispiel ist der gerade angelaufene Film über das Leben von Stephen Hawking, "Die Entdeckung der Unendlichkeit". Die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers ist ungeheuer! Minutiös hat er sich auf diese Rolle vorbereitet, hat den Verlauf der Krankheit nachvollzogen und trifft damit den Zuschauer zutiefst.
Man muss  kein Mörder sein, um einen spielen zu können, man muss auch nicht behindert sein, um eine Behinderung darstellen zu können. Was man aber muss, ist, sich mit der Thematik auseinandersetzen und sie so nah wie möglich an sich heranlassen.
Schauspielerei ist für mich einer der besten Wege, Andersartigkeit verstehen zu können.
Die Meinung, nicht behinderte Schauspieler könnten behinderten Schauspielern die Rollen wegnehmen, halte ich für eher unwahrscheinlich. Oft ist es sogar so, dass wir, wenn wir selbst betroffen sind, viel weniger gut die Rolle darstellen können, eben weil wir keinen Abstand haben und das Persönliche zu sehr mit reinspielt. Im Schauspiel geht es aber nicht um DICH, es geht immer um das THEMA, um die Sache. So wird ein Schauspieler mit Behinderung auch nicht sein Leben lang genau auf diese Behinderung festgelegt werden wollen!
Es ist also unbedingt notwendig, das Gespräch zu suchen. Was anderes ist denn Inklusion, als das Miteinander, das aufeinander zu gehen können, das sich gegenseitige Verstehen?
Als ich einmal die Rolle einer Krankenschwester spielen musste, die einem Aids-Patienten Sterbehilfe leistet, habe ich zum ersten Mal im Leben Menschen mit HIV kennengelernt und konnte Vorurteile und unbegründete Ängste abbauen. Was für eine Chance!
Schade ist es allerdings, wenn ein Drehbuch flach und klischeehaft geschrieben ist. Hier hat dann der Autor versagt und eben nicht das Gespräch gesucht.  Dann hat auch der am besten vorbereitetste Schauspieler keine Chance mehr, außer, er lehnt ein solches Drehbuch ab.

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