Wir wissen was ihr braucht



Ich konnte mich in diesem Jahr ausgiebig damit auseinandersetzen, was "Behinderung" bedeutet und bin zu dem Schluss gekommen, dass die meisten Menschen unter der schwerwiegendsten Behinderung leiden, nämlich die "Ich-weiss-genau-was-du-brauchst-Behinderung". Mit dieser Einstellung versuchen sie, dem vermeintlichen Problem eine sofortige Lösung zu bieten. Es ist diese Einstellung, alles Unangenehme durch eine schnelle Sofortmaßnahme zu beseitigen.
Als ich mit meinem Freund neulich eine Veranstaltung besuchen wollte, zu der er ausdrücklich geladen war und wo man wusste, dass er sowohl blind als auch Rollstuhlfahrer ist, standen wir vor einer steilen Treppe und wussten nicht weiter. Ich ging erstmal ins Gebäude und fragte nach dem Fahrstuhl oder einem Eingang für Rollstuhlfahrer. "Oh, einen Fahrstuhl gibt es, aber dazu haben wir grad keinen Schlüssel. Doch alles kein Problem, wir tragen ihn hoch!"
Und noch ehe ich was sagen konnte, umkreisten etwa 5 Leute den Rollstuhl mit meinem Freund und versuchten ihn hochzuhieven. Ich sah seinen irritierten Gesichtsausdruck, denn sehen konnte er ja nichts, war also nicht darauf vorbereitet, was wohl um ihn vor sich ging. Keiner fragte ihn, wie das Ganze vonstatten gehen sollte. Klar, blind und bewegungsunfähig wie er ist, weiss er es ohnehin nicht - oder? Energisch griff ich ein. "Ihr müsst ihn fragen, nur er weiss, wie es am besten geht!" Verständnislose Gesichter. Aber sie fragten. Gut, es ging. Aber macht sich irgendwer Gedanken darüber, wie es für einen selbst wohl wäre, wenn man blind im Rollstuhl säße und aus heiterem Himmel hochgehoben würde?

Es ist Weihnachtszeit und wir alle sind in Geber- und Helferstimmung. Wir wollen ja so gute Menschen sein. Helfen tut ja auch unendlich gut, man fühlt sich als ein besserer Mensch. "Ich kümmere mich gern um behinderte Menschen, das gibt mir so viel", hörte ich neulich jemanden sagen. Es geht aber nicht darum, dass es mir was gibt! Ich muss erstmal nachfragen, was meine Hilfe geben kann und ob sie überhaupt sinnvoll ist.
Es ist toll, wenn ihr einem Rollstuhlfahrer die Tür aufhaltet. Aber ungefragt den Rollstuhl anpacken oder jemanden anfassen, das ist übergriffig und ohne Achtung.
Man kann das Thema ausweiten auf alle möglichen "Hilfsaktionen". Wo wird eigentlich gefragt, ob diejenigen, die wir als bedürftig einstufen, das alles wirklich brauchen und wollen? Ich bin kein besserer Mensch, wenn ich meine sogenannten guten Taten ungefragt meinem Gegenüber aufstülpe und dann auch noch Dankbarkeit erwarte.
Sich beim Helfen demütig zeigen, das ist wohl die schwierigste Übung! Helfen heisst dienen. Aber das haben die meisten vergessen.

Kommentare:

~ Clara Pippilotta ~ hat gesagt…

Wahre Worte! Dieses "Besser wissen, was der andere braucht" erlebte ich erst neulich wieder im Bus. Da wurde eine ältere Frau fast in den Bus geschleift! obwohl es nur jemanden bräuchte, der mal kurz die Gehilfe anhebt. Die Frau fragen, wie man ihr am besten helfen kann? Fehlanzeige!

Die Leute stürmen los, machen einfach - und im schlimmsten Fall verletzen sie den anderen dabei auch noch oder erschrecken ihn zumindest.

Ich schüttle da auch immer den Kopf. Aber solange Menschen ihr "Gutmenschentum" darüber definieren, ob sie gute Helfer sind, solange wird ihnen nicht einfallen, mal den zu fragen, der Hilfe braucht.

Danke für diesen Text.

Liebe Grüsse
Clara

sissi hat gesagt…

Mitunter bleibt die Wertschätzung auf der Strecke.
Welch eine Demütigung, ja, fast Entmündigung ging da vonstatten. Früher hatten viele Berührungsängste, wußten nicht, wie sie sich gegenüber Menschen mit Behinderung verhalten sollte, sahen weg. Heute preschen sie vor ... ohne Sinn und Verstand.
Ich verstehe die Menschheit schon lange nicht mehr...
Ich hoffe, der Tag brachte noch einige guten Momente...
Lieben Gruss von der sissi

Lebenskünstler hat gesagt…

Danke für eure Kommentare. Wir hatten dennoch einen schönen Abend. Es war ja alles gut gemeint 😉. Ich würde mir nur ein wenig mehr Sensibilität wünschen. Fragen stellen ist immer ein guter Weg. Es besser wissen zu wollen verhindert, dass man wirklich etwas verstehen lernt.