Die Schule ist nicht das Leben - zum Glück

Ich kann immer die Leute nicht verstehen, die sagen: "Meine Schulzeit war die schönste Zeit in meinem Leben."
Für mich war diese Zeit zum großen Teil sinnentleert. Die Grundschule hätte genügt: Lesen Schreiben, Kopfrechnen. Alles andere, was ich später brauchen konnte,  habe ich mir sowieso selbst beigebracht. Interessen entwickelten sich durch Anregungen meiner Eltern oder Menschen, die ich als Vorbilder empfand.
Nun war ich in einem Vortrag der Agenda "Schule neu denken" - "Was brauchen Kinder?". Ob es genügt, Schule nur neu zu denken, sei mal dahin gestellt. Das Problem für den Referenten, der ganz im Sinne von Gerald Hüther viel Interessantes mitzuteilen hatte, war, dass sein Publikum vorwiegend aus Lehrern und Lehrerinnen bestand. Statt sich inspirieren zu lassen, klebte die Frage förmlich in ihren stirngerunzelten Gesichtern: Ja, aber wie soll ich den Stoff bis Schuljahresende den Kindern einpauken? Man erwartete vom Referenten schnelle Tricks und Tipps. Er aber setzte auf Persönlichkeitsentfaltung (Hilfe, was ist das??)!
Während des Vortrags ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Jemand geht 13 Jahre zur Schule. Danach studiert er oder sie ein Fach, worin man schon immer gute Noten hatte, und weil es am sichersten ist, studiert man auf Lehramt. Danach geht es wieder ab in die Schule. Und dort unterrichtet man jetzt, hat also lediglich die Seiten gewechselt, aber alles ist wie immer. 
Wie kann man also von den Lehrern erwarten, dass sie nun Schule neu denken sollen, geschweige denn neu gestalten? Das Problem ist also nicht die Frage, was Kinder brauchen, sondern eher, was Lehrer brauchen. In meinen Kursen sind sie oft schwierige Klienten (wobei ich fast immer höre: Ich bin kein typischer Lehrer! - Aber: es gibt keine untypischen Lehrer, sonst wären sie es nicht) Warum? Weil sie Übungen, die nicht eins zu eins zu einem klar definierten Ziel führen, hinterfragen, statt sich einfach mal einzulassen und sich überraschen zu lassen. Weil sie das Gefühl bekommen, sie machen sich lächerlich, sobald sie etwas spielerisch angehen. Weil ihnen das Spielerische längst abhanden gekommen ist, weil lernen Arbeit sein soll, weil überhaupt nur das hart Erarbeitete einen Wert hat...
So sind wir alle erzogen (im Übrigen zum größten Teil von der Schule), das dauert Jahre, bis wir da wieder raus sind.
Nur KünstlerInnen und kreative VerweigerInnen, die den Mut hatten, aus der Sicherheit, der finanziellen sowie der gesellschaftlichen, auszubrechen, könnten uns heute Beispiel sein. Wollen  wir also Schule nicht nur neu denken, sondern auch neu machen, dann wäre es sicher hilfreich, sich von ihnen "belehren" zu lassen.
Tatsache bleibt: Es ist nicht ein Problem der Schule an sich und des Bildungssystems. Es ist das Problem einer ganzen Gesellschaft.

Am nächsten Mittwoch, 19.11., 19 Uhr wird im Jungen Kunsthaus Bad Saulgau ein Film zum Thema gezeigt. Ich moderiere die anschließende Diskussion.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Ich ging gern zur Schule, hatte wirklich ziemlich gute Lehrer... so meine Erinnerung.
Dann kam die Zeit, in der ich Elternabende, Lehrersprechstunden besuchen mußt und fing an, den pädagogischen Backround zu hinterfragen.
Lehrer sind eine besondere Spezies und du beschreibst sehr genau, was ich denke.
Ich begegne ihnen im Beruf als wertende Mutter und ehrlich... oft rolle ich in Gedanken mit den Augen.
Vielleicht sollte man ihnen das Beamtentum nehmen, sie auf die Unsicherheitsstufe von Angestellten und Arbeitern setzen.
Wie auch immer, ein guter Beitrag... und für heute viel Erfolg bei der Moderation...
Grüße von der sissi