Von der Rührung zur Entschlossenheit und Tatkraft

Das Konzert und die Lesung am letzten Sonntag in der alten Synagoge Kippenheim hat offensichtlich viele der Zuhörer bewegt. Eine knisternde Spannung im Raum war deutlich spürbar. Die Auswahl unserer Lieder und Texte berührte die Menschen so sehr, dass sogar einige Männer Tränen in den Augen hatten.
Ich wurde zweimal darauf angesprochen, wie es mir möglich war, die Briefe und Gedichte Ilse Webers so vorlesen zu können, ohne dass mir selbst die Stimme versagte, bei all dem Leid.
Als Schauspielerin versetze ich mich in die Zeit und in den Menschen, den ich verkörpere oder dessen Worte ich durch mich sprechen lasse. Ich versuche es zumindest. Ilse Weber war kein Mensch, der sich selbst bemitleidete. Sie schrieb keine Briefe des Jammerns und Wehklagens, auch wenn ihr Schmerz und ihr Leid durchklingt. Doch wie die meisten Menschen von uns, die in einer schlimmen Krise stecken, war sie vor allem damit beschäftigt, alles zu tun, damit es für sie und ihre Angehörigen besser auszuhalten war und auch die Hoffnung auf bessere Zeiten war ja da.
Nur wir wissen, wie es letztlich ausgegangen ist und deshalb sind wir erschüttert, gerührt, betroffen.
Natürlich freut man sich als Künstler, wenn sich die Zuschauer betreffen lassen. Dennoch finde ich gerade in diesem Fall ein "Zu-Tränen-Gerührt-Sein" nicht angemessen.
Wir alle möchten so eine Zeit nie wieder erleben. NEIN! Und doch geschieht es. Im selben Moment, in dem wir die Lieder vortragen, werden Menschen gedemütigt, gefoltert, hingerichtet, entwürdigt! Wir dürfen nicht in Rührseligkeit und Bedauern der alten Zeiten wegen verharren, sondern entschlossen dem entgegen treten, was heute ist. Haltung beziehen, statt sich in Tränen aufzulösen! Dass Menschen ausgegrenzt werden, misshandelt werden, das geschieht nicht nur weit weg von uns. Das geschieht auch in Schulen, in Familien, überall dort, wo Macht und Ohnmacht aufeinander treffen, wo Andersartigkeit als Bedrohung empfunden wird.
Schau bei dir im Umfeld nach. Und tu etwas dagegen.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Es geschieht im Heute und es geschieht überall ... anders zu sein bedeutet oft, ausgegrenzt zu sein.

Wahre Worte hast du gesprochen, liebe Petra. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, mit ihr müssen wir leben und Tränen bringen niemanden weiter.

Ich lese gerade Selma Meerbaum-Eisinger, eine wunderbare Dichterin.
...
Das ist das Schwerste: sich verschenken und wissen, Daß man überflüssig ist
sich ganz zu geben und zu denken
das man wie Rauch ins Nichts verfließt.

aus ... ich bin in Sehnsucht eingehüllt.

Liebe Grüße in den Tag
sissi