Dachdecker wollte ich eh nicht werden - Buchtausch mit Raúl Krauthausen

mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags

Vor einigen Wochen fragte ich Raúl Aguayo-Krauthausen, der gerade sein Buch herausgegeben hatte, ob er es eine gute Idee fände, mit mir zu tauschen:
Essenzen des Wahrnehmens von Nils Jent gegen Raúls Buch Dachdecker wollte ich eh nicht werden.
Er sagte spontan zu, und wir schickten uns gegenseitig die Bücher.
Als ich angefangen hatte zu lesen, konnte ich nicht mehr aufhören. Es war, als hätte da jemand freundlich seine Tür für mich geöffnet und mich eingeladen, ihn ein Stück seines Lebens zu begleiten und teilzuhaben an einer anderen Lebensart. Raúl Krauthausen ist aufgrund seiner Glasknochen und seiner Kleinwüchsigkeit auf einen Rollstuhl und auf Assistenz bei vielen alltäglichen Dingen angewiesen. Darüber offen zu schreiben, mag ihm nicht leicht gefallen sein, zumal er es in der Vergangenheit vermieden hat, seine Behinderung zum Thema zu machen.
Das Buch beginnt eigentlich mit einem Höhepunkt. In der Episode "Es ist noch Suppe da", schildert er sehr lebendig und mitreißend, wie der Umstand seiner Behinderung für ein Team, in dem er der einzige mit Handicap war, zunächst von ihm als Nachteil empfunden wurde, sich jedoch am Ende als nützlich für alle erwies, und für ihn selbst eine tiefgreifende Erfahrung offenbarte. Sie ist der Zündschlüssel zu einem neuen Selbstbewusstsein. Doch bis dahin ist es ein langer Weg.
Als Leserin erfahre ich, was es bedeutet, Glasknochen zu haben und schon als Kind große Schmerzen ertragen zu müssen. Doch Raúl Krauthausen heischt nicht um Mitleid, er schildert die Situation, die Reaktionen seiner Mitmenschen, deren Hilflosigkeit oder auch Tatkraft warm und menschlich. Beinahe wie in einem Film sehe ich seine Mutter, die, nachdem sie ihren 14 jährigen Sohn mal eben auf den Tisch abgesetzt hatte und er runtergefallen war und sich dabei die Knochen gebrochen hatte, ihn nun im Auto nach Hause fährt, eingepackt in eine Babytragetasche.
Raúl erlebt Zusammengehörigkeit und Ausgeschlossensein in gleichem Maße. Es genügt nicht, zu tun, als gäbe es die Behinderung nicht. Das Leben fordert von ihm, hinzuschauen. Die Gelegenheit, mit Roger Willemsen zusammen im Fernsehen aufzutreten, wird neben allem Positiven auch zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Wirkung im Außen.
In unserer Gesellschaft wird viel über Inklusion geredet. Es kommt mir oft etwas überheblich vor, wenn diese gönnerhafte Geste, behinderte Menschen auch "teilhaben" zu lassen so einseitig daher kommt. Es ist von großer Wichtigkeit, dass wir alle teilhaben dürfen am Leben behinderter Menschen. Nur so können wir verstehen, nur so können wir aktiv werden und notwendige Dinge verändern, hin zu einem besseren Miteinander.
Raúl Krauthausen trägt mit seinem Buch enorm dazu bei. Es liegt nun an uns, seine Einladung anzunehmen und an seinem Leben (stellvertretend für viele andere in ähnlicher Situation) teilzuhaben, sowohl über sein Buch, sowie über die zahlreichen Projekte, die durch ihn ins Leben gerufen wurden.


So verschieden wie Nils Jent und Raúl Krauthausen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Bücher geschrieben. Raúl wurde mit seiner Behinderung geboren, Nils erst im jungen Erwachsenenalter unerwartet davon betroffen. Dennoch gibt es Parallelen, die stark berühren und nachdenklich stimmen. Im Buch von Raúl ist öfter davon die Rede, dass man im Gespräch mit ihm und bei näherem Kennenlernen seine Behinderung vergisst. So empfinde ich es in der Begegnung mit Nils auch. Und dennoch spiegelt die Umwelt, dass das Handicap vorhanden ist. Vielleicht ist es so: Wenn wir den Menschen kennen und lieben lernen, dann ist die Behinderung ein Teil von ihm, etwas, das ihn prägt und zu seinem Ganzen gehört.

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