GrenzErfahrung

Die letzten Wochen waren angefüllt mit völlig neuen Erfahrungen, sodass ich nicht zum Schreiben kam. Ich wurde mitgenommen in eine Welt, die mir bisher nur aus meiner Perspektive bewusst war, und deshalb unvollständig und kaum der Realität entsprechend.
Doch ich wollte es wissen: Wie ist es für einen Menschen mit mehrfacher körperlicher Behinderung möglich, in unserer fortschrittlichen Gesellschaft, die den Anspruch hat, sozial und gerecht zu sein, zu reisen, Ferien zu machen?
Ich hatte die Gelegenheit, jemanden zu begleiten, der im Rollstuhl sitzt und sich nicht selbständig auf den Straßen fortbewegen kann. Nicht nur, dass jeder Bordstein eine Herausforderung ist und für mich, die ich keinerlei Erfahrung hatte, wie man einen Rollstuhl über solch "kleine" Hürden bewegt, zum Kraftakt wurde; die Welt bekam plötzlich ein anderes Gesicht. Wie eng und klein, wie eingeschränkt ist doch der Radius, in dem man sich bewegen kann: Ein verlockendes Restaurant mit toller Terrasse und Aussicht - nicht möglich, da mehrere Stufen oder ein Kiesweg den Zugang unmöglich machen.
Der Behindertenparkplatz ist zwar nicht besetzt, aber ein Lieferwagen steht so daneben, dass ich nicht einparken kann, geschweige denn, meinen Freund aus dem Auto holen kann. Am Bahnhof ist eine Rampe, so steil, dass wir zwar hinunter kommen, nicht jedoch am anderen Ende wieder hoch!
Warten und hoffen, dass jemand hilft. Und oft helfen die Menschen gern. Aber die wenigsten fragen, wie sie helfen können, sondern packen einfach irgendwo zu. Dann wird die Hilfe eher zur Last.
Am spannendsten fand ich das Verhalten am Fahrstuhl in einem Hotel. Es gab nur drei Stockwerke. Der Fahrstuhl war eng, wir passten mit dem Rollstuhl gerade mal so rein. Kaum ein Mensch kam auf die Idee, für uns Platz zu machen, und die Treppe zu nehmen. Wir warteten dann, bis der Fahrstuhl leer zurück kam.
Dies ist nur ein minimaler Ausschnitt aus dem, was ich erlebte. Neben den äußerlichen Hindernissen musste ich auch innere bewältigen, wie die Tatsache, dass ich entdeckte, wie schwer es mir fällt, um Hilfe zu bitten, gerade wenn es sich um ganz kleine Gesten handelt, wie die Tür aufhalten. Dann steigt so eine kochende Wutenergie in mir auf, weil ich nicht verstehe, warum die Menschen das nicht einfach selbstverständlich tun!?
Eine schöne Erfahrung war es, dass die begrenzte Welt in der wir uns bewegten, sich ausdehnte durch unsere Erlebnisfähigkeit. Wenn wir es geschafft hatten, ein paar Bordsteine und Kopfsteinpflaster zu überwinden, den holprigen, steinigen Weg zu überqueren, um dann eine steile Straße hinauf den Aussichtspunkt zu erreichen, dann war es ein Glücksgefühl, wie es wohl mancher Bergsteiger beim Erklimmen seines Berggipfels empfinden mag.
Ich werde nun anders durch die Welt gehen. Mein Blick hat sich verändert. Und meine Hochachtung ist gestiegen für all jene, die mit den Behinderungen die sie durch unsere Gesellschaft erfahren müssen, täglich leben.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Die Welt verändert sich mit der Sichtweise.
Ich mag es mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn jede Treppenstufe, der Einstieg in die Bahn oder eine enge Tür einem den Weg versperren.
Meine Freundin ist Rollifahrerin und sie beschreibt genau, was du fühlst.
Oft trauen sich die Menschen nicht, schaun lieber weg... ob es Hilflosigkeit oder einfach Achtlosigkeit ist, ich weiß es nicht.
Auf mehr Miteinander, mehr Achtsamkeit würde ich mich sehr freuen und ab und an geschieht es auch.
Dir, liebe Petra, ganz liebe Grüße
sissi