Wann ist man in Beziehung?


Wann ist man in Beziehung?
Das frage ich mich gerade, weil ich zur Zeit die unterschiedlichsten Menschen treffe, wiedersehe oder neu kennenlerne. Nur allzu leicht lasse ich mich dann dazu verführen, eine Geschichte zu erzählen, zum Beispiel, wenn mich jemand fragt, ob ich immernoch da wohne oder das mache, oder mit jenem zusammenarbeite. Da geht dann kein ja oder nein, da muss eine Geschichte her, ein Erlebnis und möglichst eines, das mein Gegenüber ins Staunen versetzt. So ist das mit den Schauspielern und Geschichtenerzählern. Und manchmal gerät man dabei in Verruf, sich wichtig zu tun. Dabei ist es unsere Lust am Beobachten und Schildern, die Lust, den Absonderlichkeiten, des Lebens, eine Bühne zu geben. Beziehung jedoch entsteht erst dann, wenn sich das "Publikum" anstecken lässt, aufgreift, sich öffnet, selbst anfängt zu erzählen. Dann verwebt sich das Gespräch, spinnen sich die Fäden der Verbundenheit, teilt sich das Erlebte mit, und es entsteht ein lebendiges Austauschen von Erfahrungen.
Was mir auffällt ist, dass das nicht mehr so leicht und unbeschwert geht, wie früher. Oft bleibt es dabei, dass jeder seinen Part erzählt, meist die Fakten aufzählt, am besten über berufliche Erfolge spricht.
Man ist vorsichtig geworden. Die Gespräche werden intellektuell, abstrakt und damit langweilig. Und ich merke, jetzt, wo ich so unverblümt ausspreche, wie ich es empfinde und beobachte, kommt schon der innere Zensor und fragt: "Darf man das denn so sagen, stimmt das wirklich?" Genau diesen Zensor meine ich. Die Dinge, die man sagt, müssen nämlich richtig sein. Jedes Wort will gut überlegt sein, so gut, dass das Gespräch erstirbt, bevor es überhaupt angefangen hat. Ist das, was ich sage, ein Urteil, etwa gar ein Vorurteil, oder eher ein Feststellen? Urteilen und bewerten darf man nämlich nicht. Es ist schwierig geworden, mal einfach so zu sagen, was einem stinkt. Wer seinen Gefühlen und Emotionen Luft macht, wird oft nicht ernst genommen, wird als unreif empfunden - was im Übrigen auch ein Bewerten ist.
Beziehung erlebe ich also nur mit wenigen Menschen. Es sind diejenigen, die Worte nicht auf die Goldwaage legen, die wissen, dass das, was heute war, morgen schon wieder in einem anderen Licht erscheint. Dass wir nicht dieselben bleiben, weil das Leben uns täglich prägt und aufs Neue herausfordert. Beziehung ist da, wo der spontane Ausdruck Raum hat, wo ich mich frei fühlen kann, die zu sein, die ich bin. Wo wir uns ernst nehmen und dennoch humorvoll über unsere Schwächen hinaussehen, sie sogar gut finden. Dann werden Du und Ich zu einer gemeinsamen Geschichte. Andernfalls gehen wir auseinander, ohne dass sich eine Tür geöffnet hat.

Kommentare:

sissi hat gesagt…

Nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, sich die Wahrheit sagen können....
Ich bin eine, die gern redet... sich manchmal um Kopf und Kragen redet...lach, nein, so schlimm ist es nicht.
Ich habe deinen Text sehr aufmerksam gelesen und nicke verdächtig oft mit dem Kopf...
Es ist nicht leicht, das Reden miteinander und oft werden Zwischentöne eingebaut, die so nicht gemeint waren und einfach falsch verstanden wurden.
Es ist fast schon ein Wunder, auf Menschen zu treffen, die man *versteht* und mit denen man sich versteht...
Ich mag es, zu reden... ich mag es, mit dir zu reden... lächel...
Sei lieb gegrüßt
sissi

Lebenskünstler hat gesagt…

Ja, liebe Sissi, uns liegt das Herz auf der Zunge :-)
In meinem Beitrag spiele ich vor allem auf diejenigen an, die in Kursen eine bestimmte Methode der Kommunikation gelernt haben und diese nun eifrig anwenden. Dabei bleibt das Spontane oft auf der Strecke - und auch das Herz. Miteinander reden geht nicht nach einem Schema. Man muss lernen zu erspüren und nachzufragen