Sowas tut man nicht!

Wenn es um Ungerechtigkeit geht, um Volksverdummung, Entwürdigung und Missbrauch von gutgläubigen Menschen, werde ich ungemütlich. In meiner Jugend zeigte ich das sicher radikaler, als heute. Da konnte es schon vorkommen, dass ich es auf jede Häuserwand sprühte:
Dieser Mann lügt!
Und nicht nur das. Ich trat den Übeltätern auch persönlich entgegen und benannte das Thema ganz öffentlich und laut, dass so mancher blutrot anlief.
Dreissig Jahre später benimmt man sich gemäßigter. Man ist ja gesellschaftsfähig geworden.
Nur vor einigen Jahren bäumte sich in mir noch einmal das Temperament meiner frühen Jahre auf, als nämlich ein Mann etwa zehn Frauen einen sogenannten Schenkkreis schmackhaft machen wollte. Zehntausend Euro sollte man da "verschenken" und in einem Schneeballsystem sollte es dann hundertfach zu dir zurückkommen. Wer dabei profitierte, war klar: Er selbst. In aalglatter Vertretermanier glaubte er die Frauen überzeugen zu können. Und fast schien es so. Bis ich aufstand, im Restaurant, vor allen Leuten, mächtig auf den Tisch schlug und laut brüllte: Für wen halten Sie uns??? Haarklein und mit meiner schauspieltrainierten Stimme zerlegte ich den perfiden, geldsüchtigen Plan, und warf am Schluss meine feine Stoffserviette auf das eben servierte Essen. Ein starker Auftritt, ein perfekter Abgang würde ein Regisseur gesagt haben. Erst später konnte ich aber meinen Erfolg genießen, als ich erfuhr, dass keine der Frauen ihr Geld dagelassen hatte. Im Übrigen war ich zu diesem Treffen eingeladen worden, ohne dass man gesagt hatte, worum es ging!

Inzwischen beherrsche ich die Kunst der nahezu lautlosen Provokation. Bei einem Vortrag letzten Samstag, der an Volksverdummung kaum zu überbieten war und der Redner selbst sich auch noch so klar darüber war, dass er es in seiner gesamten Erscheinung überdeutlich machte, saß ich auf meinem Stuhl und staunte. Die Menschen möchten belogen werden. Wenn es darum geht "Wie werde ich reich und berühmt", dann ist kein Weg zu dumm, zu dreist. Dann ist man sogar bereit, sich selbst zu entwürdigen.
Ich saß in der ersten Reihe. Fluchtweg gesperrt. Sollte ich aufstehen und laut das Übel benennen? Sollte ich in die Menge schreien: Seht ihr nicht, wie der sich an euch bereichert und eure Gutgläubigkeit missbraucht??
Nein. Es hätte nichts genutzt. Ich saß also da. Der junge Redner war ausgebildet in Comedy und in "Ich bin so witzig spritzig unwiderstehlich" und war dabei so durchschaubar. In Gedanken sprach ich mit ihm: "Hey, Junge, das glaubst du doch selbst nicht! Bist du dir nicht zu schade dafür, die Menschen so für dummm zu verkaufen? Schau mal dein Publikum an! Die könnten alle deine Eltern sein. Glaubst du allen Ernstes, die nehmen dir das ab??" Ich verbreitete um mich eine Aura der Demaskierung, und blieb nicht ganz erfolglos. Immerhin kam er etwas aus dem Konzept. In einer Stunde hatte er zwar viel geredet, aber nichts gesagt. Das Publikum war nicht wirklich zufrieden. Einige Unverbesserliche umringten ihn am Schluss trotzdem wie Motten das Licht. Ich ging, hundemüde und bis zum Äußersten gelangweilt.
Wie gut, dass es an diesem Tag noch eine wunderschöne Begegnung gegeben hatte, die genau das Gegenteil von der eben geschilderten war. Und wie wunderbar, dass diese Art von kostbaren Begegnungen in meinem Leben immer mehr werden. Warum? Man lernt zu unterscheiden. Und jeder hat die Freiheit, zu unterscheiden und dann zu wählen.
Sehr oft stelle ich fest, dass das Schielen auf Geld und Prestige uns klein macht und uns die Würde nimmt, während der Weg zu den inneren Schätzen uns mehr und mehr Würde verleiht.
Oder wie Dan Theander es sagt: "Ja, es ist herrlich Geld zu haben! Aber kann man davon leben?"

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