Sind wir unsere Geschichte?


Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, ob es tatsächlich so ist, dass wir unsere Geschichte sind? Mir fällt nämlich auf, dass die meisten von uns an einer ganz bestimmten Episode hängen bleiben, meist handelt es sich um eine traumatische Erfahrung. Diese begleitet uns das ganze Leben und irgendwann scheint es dann so, als seien wir nur noch das.

Ich bin der, den man schon in der Schule gemoppt hat wegen seiner pummeligen Figur.
Ich bin die, die schon ganz früh Verantwortung übernehmen musste und keiner hat es gesehen.
Ich bin der, der eine schwerkranke Mutter hatte und nicht auf sie zählen konnte.
Ich bin die Missbrauchte.
Ich bin der, der einen tragischen Unfall hatte.
Ich bin das Waisenkind.
Ich bin der, dessen Eltern ehrgeizig waren und mich in eine Karriere drängten, die ich nicht wollte.
Ich bin das adoptierte farbige Kind, das keine Freunde bekam.
Ich bin die betrogene Ehefrau.
usw.

Auch Erfolgsgeschichten gibt es, wenn auch viel weniger. Diese werden dann publiziert und vermarktet und man darf dann so lange darüber in Talk-Shows sprechen, bis man irgendwann nicht mehr weiss, ob man das noch selbst ist, der da spricht.
Wir stecken uns also selbst in eine Schublade, obwohl wir das nie wollten! Das Leben geht weiter. Wir ändern uns (hoffentlich). Also ändern sich auch die Geschichten.

Sicher, Erfahrungen prägen uns. Aber sind wir nur diese eine Geschichte? Muss dieses eine Ereignis für alles herhalten? Müssen wir uns ausschließlich damit identifizieren?
In meinen Kursen versuche ich meine Klienten dazu anzuregen, mal etwas ganz anderes zu erzählen, etwas,  das sie noch nie erzählt haben, aber was trotzdem ganz zu ihnen gehört.
Was wäre es bei dir?
Du bist viel mehr, als deine Geschichte. Sie ist nur ein Bruchstück deines in allen Facetten schimmernden Selbstes.

Kommentare:

sissi hat gesagt…

Ja, was ist meine Geschichte und welche habe ich noch nie erzählt...
Ich sitze hier mit Blick aus dem Fenster zum Hof und sinniere...
Da gibt es keine Geschichte, in die ich wirklich hineinpasse und auch keine, die ich gerne erzählen möchte. Ich muss wohl weiter nachdenken, stecke ich fest in meiner Geschichte, spüre, lebe sie und erkenne sie nicht.
Wieder einmal läßt du mich nachdenklich zurück.
Ob ich meine Geschichte finde?
Lieben Gruss
sissi

Promotion mit Herz hat gesagt…

Es ist wirklich erstaunlich wie sehr sich ein Mensch manchmal selbst gefangen nimmt, ja. Liebe Grüße und sie lebt noch... :-)