In das Leben hineintanzen


Vergangenes Wochenende hatte ich die Gelegenheit, DanceAbility kennenzulernen. Wieder einmal war ich an Die "heilige Wunde" erinnert, wie sie Bill Plotkin in seinem Buch beschreibt. Denn dort liegt deine Kompetenz, dein wahres Potenzial.
So hatten wir also eine Kursleiterin, wie sie besser nicht hätte sein können. Bea Remark ist eine dynamische Frau mit Witz und Bodenständigkeit, Durchsetzungskraft und strahlenden Augen. Ihre "heilige Wunde" ist eine spastische Lähmung, die sich hauptsächlich in den Beinen bemerkbar macht. Ihr Gang ist deshalb anders, als meiner. Trotzdem, oder sollte ich nicht besser sagen, gerade deshalb, war sie für diese tanztherapeutische Methode als Lehrerin und Vermittlerin geradezu ideal. Ihre Bewegungen waren von besonderer Qualität.
Obwohl in unserer Gruppe sonst niemand eine Körperbehinderung hatte, stellte sich doch heraus, dass wir alle, ausnahmslos alle, auf dem einen oder anderen Gebiet eingeschränkt waren.
Ich war zum ersten Mal in meinem Leben älteste Teilnehmerin in einem Kurs! Wenn ich also mit der 17 jährigen Anne tanzte, war klar, dass ich meine Beine nicht mehr bis hinter die Ohren schwingen kann, mir schneller die Puste ausging, mein Rücken sich mit Protest meldete. Anne wiederum war zunächst in den Bewegungen des HipHop verhaftet und es fiel ihr schwer, sich auf die ruhigen Übungen am Anfang einzulassen, die in der Stille, ohne Musik und nur in der Vorstellung und danach aufmerksamen, konzentrierten Bewegung ausgeführt wurden.
Es ist immer wieder spannend, zu sehen, wie der Körper unsere Seele spiegelt! In einer Kontaktimprovisationsübung wurde mir wieder deutlich, dass ich locker meinen Partner, einen kräftigen, gut gebauten Mann, auf meinem Rücken tragen konnte, während es mir deutlich schwerer fiel, mich von ihm tragen zu lassen! Als es dann doch gelang, war es wie fliegen :-)
Körperarbeit ist auch immer Seelenarbeit. Manchmal hätte ich mehr Zeit gebraucht, um zwischen den Übungen zu reflektieren, nachzuspüren. So kam ich am Abend sehr erschöpft nach Hause. Denn die innere Bewegung ist nicht zu unterschätzen! Der Körper zeigt uns nicht nur unsere Möglichkeiten, sondern auch unsere Grenzen. Sehr oft beachten wir diese Grenzen nicht, weil wir einerseits im Leistungsdenken feststecken und im Konkurrenzkampf "höher, weiter, besser" und andererseits unsere Feinwahrnehmung größtenteils abhanden gekommen ist. Feinwahrnehmung braucht nämlich ZEIT und STILLE und das haben die meisten nicht.
Menschen mit Behinderung sind wie ein Spiegel für diesen von uns verdrängten Anteil: Die Sehnsucht nach Langsamkeit, Ruhe, Achtsamkeit, Sosein dürfen wie man ist, Verletzbarkeit. Umso schlimmer, wenn wir sie in unser System drängen wollen, indem wir versuchen, sie weitgehend uns gleich zu machen, oder indem wir sie aus unserem System verdrängen, weil sie angeblich nicht dasselbe leisten, wie wir! Beängstigend, dass wir fast nur "Systeme" haben, die festgefahren sind und keinerlei Flexibilität zulassen! Nahezu alle Institutionen, Firmen, Schulen usw. sind geprägt von einem festen System.
Ich habe viel von Bea gelernt, einfach im Zuschauen, Hinhören und der Bereitschaft verstehen zu wollen. Es ist nämlich überhaupt nicht wichtig, so glaube ich, jemanden zu perfektionieren, gleich zu machen. Viel wichtiger ist es, neugierig hinzusehen, wie der andere Mensch seine Möglichkeiten ausschöpft, und was ich dabei lernen kann. Optimieren können wir uns nämlich nur, indem wir unsere Verschiedenartigkeit wertschätzen, sie verknüpfen und uns damit spielerische Leichtigkeit erlauben. Dann wären wir alle fähig, den Tanz des Lebens zu genießen.

1 Kommentar:

sissi hat gesagt…

Den Tanz des Lebend zu genießen....
wie oft habe ich eigentlich schon gesagt: ich kann nicht tanzen.
Tanzen ist, wenn Gott dich trägt... dieser Titel kam mir gerade in den Sinn... Werde ich getragen ... spüre ich den Rhytmus des Lebens und kann ihn durch meine Bewegungen fließen lassen.
Sieht es nicht manchmal unvollkommen, stümperhaft aus. Mache ich mir so viel daraus, dass es anderen nicht gefallen könnte.
Dein Text läßt meine Gedanken fliegen über das Parkett des Lebens, doch ihnen fehlt die Leichtigkeit, die es braucht, um auf ihm zu tanzen.
Wie schön ist es, zu lesen, wie wohl du dich fühlen konntest. Du hast einiges mitnehmen können, vielleicht muss man es selbst erleben, um einzutauchen.
Ich atme...
vielleicht tanze ich irgendwann....
Wie immer ein Text von dir, der inspiriert ... ich atme, noch tanze ich nicht.