Von Pin bis Puk - Das Leben wird nicht einfacher

Man spart doch viel Zeit mit den heute nicht mehr wegzudenkenden technischen Geräten. Wie zum Beispiel dem Mobiltelefon. Keine Nummer muss man sich mehr merken, Knopfdruck genügt. Das spart auch Platz im Hirn. Ich glaube, dort gibt es mittlerweile so viel Platz, dass die Gedanken manchmal Angst bekommen vor dieser Weite und Leere und deshalb ganz wild herumschwirren.
Kürzlich verabredete ich mich mit einer nahen Verwandten, nennen wir sie Frl. M, in Freiburg. Wir wollten ins Kino, vorher noch eine Kleinigkeit essen. Ausgemacht war, dass wir uns per Handy Bescheid geben, wann wer wo ist. Als ich das versuchte, tat sich nichts. Auch mein zweiter Versuch blieb erfolglos, das Gerät von Frl. M. war und blieb abgeschaltet.
Mein in solchen Fällen hohes Katastrophenbewusstsein ließ mich Schlimmstes befürchten: Wer nicht an sein Mobiltelefon geht, ist entweder auf der Intensivstation oder bereits dort, wo alle Technik überflüssig ist. Schweißausbrüche. Dann innerliches Beruhigen. Erstmal nachsehen, wo das Kino ist. Viel zu früh stand ich davor, von Frl. M. keine Spur. Ich lenkte mich mit ein paar Frustkäufen ab, bis ich durch die Scheibe eines Geschäftes schemenhaft eine Gestalt wahrnahm, deren Gang mich an den typischen Frl. M. Gang erinnerte. Doch eine Straßenbahn fuhr dazwischen, wie in einem dramatischen Film und wischte zischend über meinen geschärften Blick.
Endlich. Ja, sie war es! Die Verzweiflung stand ihr im Gesicht. Grauenvolles war geschehen. In einem Geschäft war ihr beim Kleideranprobieren das Telefon auf den Boden und in Einzelteile gefallen. Eine Verkäuferin hatte es ihr zwar geschickt wieder zusammengesteckt, aber das teuflische Ding fragte immer wieder nach einem gewissen Pin, den Frl. M. nicht kannte und als sie das mehrmals beteuerte, wurde nach einem Puk gefragt, der ihr ebenfalls unbekannt war. Sie hatte jedenfalls eine Sauwut auf die Herren Pin und Puk, die sich da wichtig machen wollten. Sie verweigerten ihr den Gebrauch des Telefons vehement, da war nichts zu machen.
Es war unmöglich gewesen, in der Stadt eine normale Telefonzelle zu finden. Doch dies hätte ihr auch nicht viel geholfen, denn Telefonbücher sind ebenfalls längst ausgestorben und meine Mobilnummer wäre da nicht zu finden gewesen.
Ich erinnerte mich an die Zeiten, wo ich alle Telefonnummern im Kopf hatte. Sogar die meiner Lieblingslehrerin. Und die von der Mutter meiner Freundin und vom Sohn des SPD Vorsitzenden.
Heute ist das alles verschwunden. Das Hirn ist leergewischt. Fördern diese Geräte womöglich vorzeitige Demenz?

Jedenfalls war dies noch nicht das Ende der denkwürdigen Geschichte. Natürlich wollten wir Pin und Puk ausfindig machen. Die geheimen Codes braucht man auch, wenn man nur einen ganz popligen Prepaid-Vertrag hat. Am nächsten Tag gingen wir also zu dem Herrn bei Vodafone, nennen wir ihn Herr Schweiger. Herr Schweiger hörte unsere Geschichte und sagte - nichts. Ein Wiegen des Kopfes, ein schnelles Tippen auf der Tastatur des Computers. Dann ein Kopfschütteln. Nein. Unter der angegebenen Nummer ist jemand ganz anderer eingetragen. Somit könne er uns Pin und Puk nicht verraten. Datenschutz. Sein Pokerface ließ vermuten, dass ein Posten beim Geheimdienst in näherer Zukunft auf ihn wartete.
Frl. M. ließ ihre dunkelbraunen Augen feucht werden: "Nur ein kleiner Hinweis....? Das Handy war ein Geschenk, ich weiß nicht mehr von wem..."
Es handele sich um einen Mann, presste sich Herr Schweiger über die Lippen. Nun begann das Rätselraten. Fritz? Erwin? Martin? Oder Heinz? Vielleicht Matthias? Oder doch der Herbert? Nein, nein, nein.
"Zählen auch Verstorbene?" fragte Frl. M.
Herr Schweiger schwieg.
"Bitte sagen Sie uns nur den Anfangsbuchstaben, biiiiiieeettttteee!" flehte ich ihn an. Mühsam formten sich seine Lippen zu einem U. Unser Freund Udo Lindenberg, vielleicht? Herr Schweiger bekam kreisrunde Augen und schüttelte den Kopf. 
"Ich hab´s!, rief Frl. M, "Es ist der Uwe, ja der Uwe." Der Sohn vom Patenkind, der mal vor X Jahren ein Handy gewonnen hat, das er geschäftstüchtig an Frl. M. verkauft hatte. Wir nannten Name und Adresse. Herr Schweiger rückte nun mit Pin und Puk raus und als Frl. M. in überschwänglicher Begeisterung fragte, was sie ihm schulde, schüttelte er nur schweigend den Kopf. Dafür nichts.

Kommentare:

Schwemmholz hat gesagt…

herzhaft gelacht! und gerade vor einigen tagen ist meinem mann, der von der firma ein neues handy verpasst bekam, ähnliches passiert: als der akku ausfiel (ich gestehe, er geht gerne an grenzen...) fragte es nach dem einschalten ebenfalls nach dem pin. pin? warum? woher soll ich das wissen?...
ja, manchmal wünscht man sich die alten zeiten zurück...
lg, karin

ps: die sicherheitsabfrage mit 1 fossily hat sich deinem inhalt angepasst... ;-)

sissi hat gesagt…

Den PIN habe ich im Kopf, den PUK.... ja mei, da wäre ich total überfordert.
Mein Handy ist schon fast museumsreif... hat 13 Jahre auf dem Buckel und den PUK habe ich nie gebraucht.
Was für ein Glück (lach).