Sind wir alle in einem bösen Traum?

Wir leben in einer Gesellschaft, die fast nur noch Parolen von sich gibt. Je krasser (oder heisst es nun "grasser"?), desto besser.
Das Motto lautet: Ich will beachtet werden um jeden Preis. Es ist vollkommen egal, ob man auch verstanden wird, wichtig ist allein die Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit bringt Geld. Geld bringt Wohlstand. Wohlstand bringt Ansehen und Aufmerksamkeit. Hier bin ich! schreit es aus jeder Ecke. Nahezu alles, was man im Internet in den sogenannten "social networks" lesen kann, ist Werbung. Jeder hat etwas zu verkaufen, und wenn es die eigene Seele ist.
Was ich wirklich vermisse, ist eine Hinwendung zum Du, zum Gegenüber, zum Mitmenschen. Das, und nur das, verstehe ich unter Kommunikation. Verbundenheit, Verstehen wollen, Annäherung, Berührung. Wo ist das?
Wieso folgt auf jede Meinungsäußerung sofort eine andere? Warum fragt niemand: Wie meinst du das? Warum interessiert sich kaum einer für Beweggründe, für Hintergründe? Ich habe Angst vor diesem Tunnelblick mit dem so viele durchs Leben gehen! Was sehen sie am Ende des Tunnels? Etwa Licht? Das kann doch nur eine optische Täuschung sein!
Ich vermisse Gespräche. Ich möchte mit Menschen zusammen sein, die sich füreinander interessieren. "Wie denkst du darüber?" ist ein Satz, den ich lange nicht gehört habe, sehr lange. Und statt "Wie geht es dir" heißt es jetzt "Wie läuft's?" womit natürlich immer das Geschäftliche gemeint ist.
Den Mut zum Gespräch, zu einer persönlichen Hinwendung an einen anderen Menschen, haben viele von uns verloren. Statt einem Telefonat gibt es eine email, kurz und bündig und vor allem: unverbindlich! Persönliche Treffen werden nur dann vereinbart, wenn es auch "was bringt". Denn sonst hat man doch keine Lust, seine Zeit zu "verschwenden".
Und was am meisten schmerzt: die großen Bewusstseinswandler, die Lehrer und Lehrerinnen der "neuen Zeit", die, die das große WIR fordern, sie preisen auch nur ihre Kurse und Bücher in Newslettern an, fordern mich per Rundmail auf, eine positive Rezension zu schreiben, obwohl man sich persönlich kennt.

Ich hatte letzte Nacht einen beunruhigenden Traum: Menschenmassen standen auf der Straße, völlig erstarrt. Keiner sprach, keiner rührte sich. Nur ganz wenige, darunter ich, gingen durch die stumme, eingefrorene Menge ihren Weg. Ab und zu warnten mich flüsternde Stimmen "Geh nicht weiter, sie töten dich!" Ich ging trotzdem weiter. Doch dann gab es einen Knall. Ich sah Fahnen, Gleichschritt, hocherhobene Arme, hörte das Schreien der Menge. Und ich dachte: Wenn ich nicht wüßte, dass das ein Traum ist, würde ich mich umbringen.

Sind wir alle in einem bösen Traum? Sind wir der Mitmenschlichkeit beraubt und Sklaven von Geld, Ruhm und Ansehen geworden?
Werde ich getötet, wenn ich mich nicht der Menge anpasse, die nur laut schreit, wenn alle schreien?
Wir befinden uns in einem Traum. Es ist ein schlechter Traum, wenn er uns keinen Raum mehr lässt für Zärtlichkeit und Berührung, für eine Umarmung und einen Blick in die Augen.
Neulich sah ich in die kristallklaren Augen eines blinden Mannes und erkannte das Leuchten seiner Seele. In diesem Moment fragte er mich, ob er mich umarmen darf, denn auch er hatte mein Leuchten erkannt.
Das sind die Juwelen in meinem Leben, das ist es, wofür ich hier bin, warum ich jeden Tag aufs neue frage:
Wo bist du?
Klopf an.
Ich warte auf dich.