Wenn die Erde spricht

Es ist eine laute Welt, in der wir uns bewegen. Egal wo ich bin, mir scheint, überall wird aufgedreht bis zum Anschlag. Die Disco, kilometerweit entfernt, dröhnt mit den Bässen bis in die hintersten Winkel unseres verschlafenen Dorfes. Im Kino möchte ich mir am liebsten Oropax in die Ohren stopfen. Marktschreierisch laut heult es auch im Supermarkt aus Radio und Lautsprecher auf mich herab.
Ich genieße die frühen Morgenstunden, wo es so still ist, dass es sich anfühlt, als würden meine Ohren sanft gestreichelt. Wenn ich das Fenster öffne und die feuchte Luft einatme, zwitschern die Vögel, ein Hund bellt, doch das sind Geräusche der Ruhe. Ich darf zu mir selbst kommen. Nichts drängt sich mir auf.

Seit zwei Tagen lese ich in einem Buch von Ana Pogačnik "Die Erde liebt uns - Wenn Landschaften sprechen". Ganz direkt, in sehr persönlichen Briefen, spricht die Erde, sprechen verschiedene Landschaften, zu mir, dem Menschen.
Eine eindringliche Stimme fordert mich auf, zu horchen, einzutauchen in das, was sich unter der Oberfläche verbirgt, hinter dem Lärm der tosenden Städte und wahrzunehmen, dass ich, Mensch, nicht nur Teil dieser Erde bin, sondern die Erde selbst.
Wie eine liebende Mutter spricht diese Erde. Manchmal flehend und bittend, doch nicht um ihretwillen, sondern um meinetwillen, damit ich, ihr Kind, doch das Wunder in seiner ganzen Fülle erfahren möge. Es scheint, als sei der Mensch ein pubertiernder Jugendlicher, der sich austobt, seine Kräfte misst, provoziert und noch Zeit braucht, die wahren Möglichkeiten und die ganze Fülle zu erkennen. Dennoch liebt Mutter Erde den rücksichtslosen Halbstarken, denn sie sieht ihn mit den Augen der bedingungslosen Liebe, einer Liebe, die jenseits von Begierde und Besitzdenken ist. Es ist eine göttliche Liebe. Die Briefe offenbaren, dass Himmel und Erde nicht voneinander getrennt sind. Das kostbare Geschenk Leben ist keine Verbannung aus dem Paradies, sondern das Paradies selbst, wenn wir lernen, zu hören, und zu sehen.
Besonders stark empfand ich die Aussage, dass nicht nur wir die Landschaft sehen, sondern die Landschaft nimmt auch uns wahr.
Mit dieser Vorstellung, dass auch ich von der Landschaft "gesehen" werde, eröffnet sich mir ein neues Bewusstsein.

Jeder Brief wird mit einer symbolischen Zeichnung "unterschrieben", was mir besonders gut gefällt. Denn auf diese Weise folgen wir den Texten nicht nur mit dem Verstand, sondern bekommen auch die Möglichkeit mit inneren Augen zu sehen und mit den Ohren des Herzens zu hören.
Mehr und mehr wird klar, dass nicht wir die Erde retten müssen, es genügt, uns selbst zu retten, unser Leben wertzuschätzen, mit dem, was wir haben glücklich zu sein und nicht auf das zu schielen, was wir nicht haben.
Gerade heute, an diesem Tag zum Gedenken an Fukushima, ist mir das Buch eine gute Begleitung.

PS: Je länger ich in dem Buch lese, desto öfter denke ich, dass man sämtliche Lebenshilfebücher wegpacken kann und nur noch dieses eine lesen sollte.

1 Kommentar:

Kessi hat gesagt…

Die Stille gibt auch mir die Ruhe und die Kraft, die ich brauche, um den Alltag zu bestehen... Du hast mich neugierig auf das Buch gemacht! Danke! Guten Morgen und herzliche Grüße! :-)