Hingabe an das Unkontrollierbare

In diesen Tagen trage ich sehr viele unterschiedliche Gefühle in mir.
Auf meiner Fahrt in die Schweiz hörte ich im Radio eine Diskussion über Sterbehilfe. Da fragten Deutsche, trotzig und ungezogen wie kleine Kinder, warum es das nicht auch bei uns so bequem gäbe wie im Nachbarland. Ein Anrufer berichtete von einer Verwandten, die nur noch nervt, weil sie schlimme Schmerzen hat. Wieso kann man da nicht mal eine Spritze bekommen - und aus?
Ein anderer Mann findet, auch Depressionen seien Schmerzen, die kaum zu ertragen seien. Wenn man mal zwanzig Jahre arbeitslos war, dann habe das Leben ja keinen Sinn mehr. In diesem Falle sei es doch besser, wenn.... und warum man da nicht einfach eine Spritze bekommen könnte.
Der Satz "einfach eine Spritze bekommen" fiel mehrmals. Gruselig. Dass wir Lebensmittel einfach unüberlegt wegwerfen, das wurde ja nun in der Presse breitgetreten. Aber das eigene Leben als Wegwerfprodukt, scheint eine ganz neue Variante.

Ich fuhr weiter, gelangte an meinen Zielort. Das Team, das die Tagung "Entwicklungsfelder öffnen" vorbereitet, traf sich mit einem Mann, der wohl allen Grund gehabt hätte, vor 30 Jahren Nein zum Leben zu sagen. Er hat es nicht getan. Selten trifft man einen Menschen, der so von innen heraus strahlt, dessen Augen wie blaue Sterne funkeln, und das, obwohl er im Dunkeln sitzt. Das äußere Licht wurde für ihn vor 30 Jahren gelöscht, seine Beweglichkeit hundert Prozent eingestellt. Locked in nennt man das. Nur mit Mühe und viel Ausdauer schaffte er es, trotz seiner körperlichen Einschränkungen sein Leben zu gestalten, und zwar so, wie er es wollte und nicht wie andere dachten, dass es möglich wäre, wo sie doch sowieso so gut wie keine Möglichkeiten für ihn sahen.
Dieser Mann sagte an dem Nachmittag einen Satz, der bei mir sinngemäß so hängen geblieben ist: "Ach, es ist so menschlich, nach dem Sinn zu fragen! Aber das steht uns nicht zu. Es ist nicht wichtig, nach dem Sinn zu fragen. Wir müssen einfach unser Leben leben."

Für viele Menschen ist die Grundhaltung ein Leben lang die Rolle des Opfers. Schuld sind immer die andern. Oder das Schicksal. Wenn das Leben nicht perfekt ist, wir nicht funktionieren in den Augen der Gesellschaft (und die Gesellschaft, das sind wir!!), dann ist das Leben zum Wegwerfprodukt geworden.
Es ist unglaublich, wie oft ich in der letzten Zeit von (gesunden!!) Menschen gehört habe, sie hätten ihre Patientenverfügung nun unter Dach und Fach, das Testament ist geschrieben, der Platz auf dem Friedhof bestellt. Tod, du kannst kommen, ich bin bereit!
Alles, alles wollen wir perfekt unter Kontrolle haben. Einfach nur eine Spritze.

Und jetzt stehen die beiden Sätze wie Mahnmale vor meinem inneren Auge:
"Einfach nur eine Spritze" oder "Einfach nur dein Leben leben"
Wir treffen selbst die Entscheidung. Ich kann meinen Blick auf die Dinge lenken, die möglich sind, die mir gut tun. Es gibt immer etwas, wenn ich bereit bin, meine Augen und mein Herz dankbar zu öffnen.
Das Leben ist eine Kostbarkeit und wir sollten es leben in der Hingabe an das Unkontrollierbare.

Kommentare:

Maria hat gesagt…

Willkommen in "meiner" Stadt :-)

Schwemmholz hat gesagt…

den film würde ich gerne sehen und auch das buch von deinem vorigen post wird wohl bald in meinen händen liegen...
danke für deine schönen, einfühlsamen texte, ich lese sie sehr gerne und kann dir nur beipflichten.
liebe grüße vom see
karin