Eigentlich wäre ich gerne perfekt

Ich höre zur Zeit das Buch "Ein Tag im Jahr" von Christa Wolf selbst vorgelesen. Anfangs musste ich mich an die schwere, etwas schleppende, kratzende Stimme gewöhnen. Aber dann faszinierte es mich zunehmend, eine Stimme zu hören, die so viel offenbart, dass ich dahinter die Höhen und Tiefen eines Lebens erspüren kann. Es sind also nicht nur die Worte, die gesprochen werden, es ist auch der Klang, der Rhythmus.
Eigentlich spricht Christa Wolf hauptsächlich von ihrem Alltag. Sie beschreibt das Leben in der damaligen DDR. Und man spürt in dieser Beschreibung, wie sie es sich in nichts leicht gemacht hat.
Etwas verändern wollen, hin zum Besseren. Hoffen wir nicht alle, durch unser Handeln das zu bewirken?
Mir gehen dabei viele Situationen durch den Kopf, in denen mir etwas so wichtig war, dass ich darum kämpfte, es verteidigte, manchmal mich auch notgedrungen anpasste, um wenigstens einen kleinen Schritt weiter zu kommen.
Und dann all die Fehler, die ich dabei gemacht habe! Denn was ich für gut halte, ist es für den andern nicht unbedingt. Wie wichtig also bin ich selbst mit meinen Ansichten, Weltverbesserungsvorschlägen, Bemühungen? Wie wichtig sind meine Erfolge und Niederlagen? Ich versuche täglich, es richtig zu machen, eigentlich wäre ich gerne perfekt. Ich bin es nicht. Ich stehe vor Gruppen, um ihnen etwas beizubringen, aber vieles davon muss ich mir selbst jeden Tag neu erarbeiten, neu ins Bewusstsein rufen.
Ich bin wichtig - und ich bin es nicht. Eines Tages sterbe ich und es wird nicht viel Zeit vergehen, bis ich vergessen bin. Das ist so. Ich bin nicht wichtig. Wichtig ist nur, was ich jetzt tue, was jetzt für mich wichtig ist und dass ich wach bleibe, mich weiterentwickle, niemals mir einbilde, schon fertig zu sein, schon alles zu wissen und alles im Griff zu haben. Ich bin einfach nur auf dem Weg.
Neulich sagte mir eine Jahresgruppenteilnehmerin: "Weißt du, warum ich mich bei dir angemeldet habe? Weil du manchmal rote Flecken am Hals bekommst, wenn du aufgeregt bist. Da wusste ich, bei dir kann ich sein, wie ich bin."
Zunächst war ich etwas irritiert. Da hatte jemand etwas gesehen, was ich immer zu verbergen versuche! Und diese Schwäche als Kriterium für meine Kompetenz genommen!?
Wir können nicht perfekt sein, weil wir Menschen sind und ewig darum ringen, dass Körper, Geist und Seele in Einklang kommen. Es wird nie eine friedliche Welt ohne Krieg und Hunger, ohne Gewalt und Katastrophen geben. Aber dass wir trotzdem daran glauben, und uns dafür einsetzen, darauf kommt es an. Es ist der Weg, den wir einschlagen, der zählt. Doch zu erwarten, dass alle den gleichen Weg zur selben Zeit gehen, wäre utopisch.

1 Kommentar:

Promotion mit Herz hat gesagt…

Du bist perfekt! :-) Du bist Du, so wie Du bist! Besser geht es nicht! Ganz herzliche Grüße, Kessi