Abschied von Christa Wolf

Nun ist sie gestorben, eine der ganz großen Schriftstellerinnen unserer Zeit: Christa Wolf. Fast alle Bücher von ihr habe ich gelesen. Ihre Sprachvirtuosität faszinierte mich immer wieder. Besonders die Erzählung "Selbstversuch" aus den 70er Jahren war für mich eine große Herausforderung. Etliche Male zu verschiedenen Anlässen trat ich in der szenischen Lesung als "Anders" auf, die Wissenschaftlerin, die sich dem Selbstversuch stellte und sich von einer Frau in einen Mann verwandeln ließ. Ihrem Protokoll, das sachlich und nüchtern geschrieben dennoch gefühlsmäßige Abgründe aufzeigt, indem jede Situation minutiös beschrieben wird, musste ich der Sprache auch und vor allem meine Körpersprache entgegensetzen; was in den anschließenden Publikumsgesprächen öfter zu verwunderten Ausrufen führte wie: "Und plötzlich waren Sie ein Mann!"

Wenn man als Schauspieler/in seine Stücke besonders liebt, dann bleiben wichtige Sätze ein Leben lang im Gedächtnis, zum Beispiel solche:
"Ja, höher als alles schätzen wir die Lust, erkannt zu werden. Euch aber ist unser Anspruch die reine Verlegenheit, vor der ihr euch, wer weiß, hinter euren Tests und Fragebogen verschanzt"
Die Erzählung endet mit den Worten:
"Jetzt steht uns mein Experiment bevor: der Versuch zu lieben. Der übrigens auch zu phantastischen Erfindungen führt: zur Erfindung dessen, den man lieben kann."

 
Christa Wolf sagte in einem Interview mit Gero von Böhm sinngemäß, dass sie das geschriebene und gesprochene Wort als heilsam empfindet. Es hätte etwas heilsames, wenn man etwas benennen kann. 
Das, was eben noch schwer war, wird leichter. Doch das Ringen um diese wahren Worte ist oft ein langer Prozess.
Sie stellte sich diesem Prozess immer wieder kompromisslos.

1 Kommentar:

Promotion mit Herz hat gesagt…

Manchmal wünschte ich mir, mehr Zeit zu haben, um von all diesen wunderbaren Menschen mehr lesen und erfahren zu können... ganz liebe Grüße Kessi