Tanzen - was es nicht ist und was es ist

Befremdet bin ich und irritiert, wenn ich wahrnehme, was gemeinhin unter "freiem Tanzen" verstanden wird.
Von Körperbewusstsein keine Spur. Es wird geschüttelt und gerüttelt, Gliedmaßen werden durch die Luft geschleudert, glasige Blicke, die stumpf vor sich hinstieren oder ins Leere wandern, verraten: Hier will man frei werden, indem man sich des Körpers entledigt. Körperbewusstlosigkeit. Auch das, was normalerweise Musik genannt wird, ist durch seine Lautstärke zu dem mutiert, was die Körperbewusstlosigkeit perfekt unterstützt: Lärm, Krach, Dröhnen.
Was Tanz in seinem ursprünglichen Sinn bedeutet, wird hier umgedreht. Jeder taumelt für sich allein durch das Universum, verliert sich, spürt nicht, wenn er an andere stösst, es ist ihm auch egal. Taub sind die Sinne geworden. Ähnlich wie bei einer Droge, will man nicht mehr "im Fleisch" sein, sondern abheben. Des Körpers entledigt, gibt es keine bewusste Bewegung mehr, Energie verschleudert sich sinnlos, jeglicher Ausdruck ist abhanden gekommen. Nicht nur der Körper ist abhanden gekommen, so scheint mir, sondern auch die Seele. Beide, voneinander getrennt, wanken orientierungslos wie Betrunkene durch die Welt.

Tanzen, das ist für mich jedoch ein bewusstes Ankommen im Körper! Denn wer im Körper angekommen ist, der ist auch ganz auf dieser Erde angekommen, ist Teil von ihr und kann sie bewusst mitgestalten. Unsere Seele verkörpert sich, möchte sich ausdrücken und so den Himmel auf die Erde bringen.
Freier Tanz, Ausdruckstanz, ist also eine glänzende Möglichkeit, Körper und Seele in Einklang zu bringen. Die beiden sind ideale Tanzpartner und manchmal führt der Körper die Seele, manchmal umgekehrt. Vollkommen ist es, wenn beide zu einer solchen Einheit finden, dass nicht mehr unterschieden werden kann.
Im Tanz ist es das höchste Gefühl, den Körper in all seinen Facetten zu spüren. Bis in meine Fingerspitzen erlebe ich die Welle der Bewegung. Jede Zelle tanzt mit. Meine Augen strahlen und sehen klar. Wer so Seele und Körper verbunden hat, der empfindet schon die leiseste Musik als einen feinen Wind, der trägt. Das Abheben ist nicht mehr ein Fliehen und sich Abwenden, sondern ein Getragensein. Ich bin verbunden mit mir selbst, mit dem Boden unter mir und mit den anderen Menschen um mich herum. Tanzen  bedeutet, sich zu verbinden und in dieser Verbundenheit zu wahrer Freiheit zu finden. So paradox das klingt. Denn wir sind nur frei, wenn wir uns bewusst werden, dass wir Teil des Ganzen sind. Wir gehören zueinander.

Und genau das ist der Kern meiner Arbeit: Über die Feinwahrnehmung von Körper und Seele möchte ich begreiflich machen, was "Lebendige Kommunikation" bedeutet: Wahrhaft verbunden sein. Dies geschieht nicht nur über Worte und Sprache. Sondern auch und gerade über den Körper in seinem Ausdruck. Bewegung und Ton, Tanz und Gesang sind die ursprünglichen Ausdrucksformen der Seele. Unser Körper ist das wunderbare Musikinstrument dafür, ein Resonanzkörper für das, was in uns klingt und sich verbinden will. Das Wahrhaftige reift in der Stille, im Kern unseres Selbst.
Bewusstsein kann so leicht sein, wenn wir uns dieser Stille hingeben können.
(c) petrakopf
Nächster Tagesworkshop wird am 07. Januar sein!

Kommentare:

Promotion mit Herz hat gesagt…

Das hast Du so schön beschrieben... herzlichen Grüße!

sissi hat gesagt…

Körper und Seele im Einklang.... leicht sein wie eine Feder... die Arme ausbreiten wie Flügel...sich tragen lassen von leiser Musik ... ein schönes Gefühl...mitgefühlt beim Lesen deines Beitrages....
Einen lieben Gruss
sissi