Alle reden vom Loslassen. Ich nicht.

Alle reden vom Loslassen. Ich nicht. Ich will festhalten, was mich glücklich macht. Das ist menschlich und wer etwas anderes behauptet, kann nicht von dieser Welt sein.
Das Einzige, was mich vielleicht von manchen Menschen unterscheidet, ist, dass es mir meistens nicht um materielle Dinge geht. Wenn ich mal etwas nicht haben kann und auf Bequemlichkeit verzichten muss, ist das noch nichts, was mich unglücklich macht. Relativ einfach war es für mich auch, einen Job aufzugeben, da mir dort ohnehin keine Wertschätzung entgegen gebracht wurde.
Aber was ich festhalten will sind meine Begegnungen und Beziehungen mit Menschen, die ich liebe. Ich will, dass das immer so bleibt. Ich möchte nicht verlassen werden und will unbedingt, dass es harmonisch bleibt. Wenn mich jemand verlässt, dann bin ich nicht nur traurig. Nein! Eine unbändige Wut kann mich überkommen. Ich schimpfe, ich fluche, bin bitterböse. Manchmal fühle ich mich so tief verletzt, dass ich nichts mehr tun kann und nur noch im Bett liege und weine. Es ärgert mich, dass ich nicht kontrollieren kann, dass es nicht läuft, wie ich will.
Wenn ich in einer schönen Umgebung bin, wie zum Beispiel auf Reisen, dann würde ich am liebsten dort bleiben, für immer.
Ich will zwar gern noch eine Weile leben, aber nicht alt aussehen. Ich will gesund bleiben und mein Körper soll mich gefälligst nicht im Stich lassen!
Ich will festhalten, ja, ganz fest!
Aber es ist nicht möglich. Alles verändert sich und das ständig. Ich bin hier an dieser Stelle des Textes schon nicht mehr die, die ich am Anfang war!
Ganz schön wütend kann ich da werden! Wenn jetzt jemand zu mir sagt: "Du musst einfach nur loslassen!", dann ist das für mich völlig absurd. Warum sollte ich das? Ich liebe meinen Schmerz, meine Wut, meine Verwirrung. Auch das ist Leben! Leben ist Rhythmus, bewegt sich im Auf und Ab. Wer heute noch am Boden zerstört ist, kann morgen schon wieder lachen! Ich gebe zu, das Morgen dauert in manchen Fällen etwas länger, aber trotzdem ist es so. Ich halte am Leben fest! Ich begeistere mich, verliebe mich, habe Ideale, bin großzügig, einfühlsam und verletzbar. Ich versuche zu lernen, Dinge besser zu machen. Aber ich will keinesfalls loslassen. Erst wenn ich damit anfange, und so ganz langweilig gelassen werde, dann weiss ich: Jetzt ist aller Tage Abend!

Kommentare:

schneiderin hat gesagt…

Danke für diesen herzerfrischenden Beitrag.
Es geht mir genauso.

Aber ich spüre auch noch etwas anderes. Ich habe das eine und andere Mal die Erfahrung machen dürfen, dass ich gerade dann, wenn ich am wenigsten erwarte und wenn ich loslasse, was ich will, am meisten geschenkt bekomme.
Da ist dann so eine tiefe, jubelnde Freude in mir und die will ich festhalten ;-), denn sie ist viel schöner und erfüllender, als das, was ich erlebe, wenn ich zuvor erwartet hatte.
Hmm klingt kompliziert..

Gelassenheit ist für mich nichts Langweiliges. Ich bin viel gelasssener als früher. Und viel glücklicher. Mehr von dieser Freude durchströmt.

GG hat gesagt…

Da kann ich dich gut verstehen. Geht mir genau so. Beim sinnvollen Loslassen geht es ja auch eher um Hinderliches, Einengendes, eigene Ängste, Vorurteile, Verkrampfungen, schädliche Selbstüberzeugungen, die bremsen und nicht leben und atmen lassen. Ich achte darauf, dass mir Wertvolles nicht verloren geht, Hinderndes und Bremsendes kann ruhig weg. Die letztlich einzige Beständigkeit liegt halt in der Veränderung. Das muss noch keinen Verlust von wirklich Wichtigem bedeuten. Halt fest, was dich glücklich macht!

Lebenskünstler hat gesagt…

Danke euch für die netten Kommentare! Ich komme gerade von einem Vortrag. Dort wurde gesagt, wir sind nicht auf der Welt um KEINE Probleme zu haben, wir sind da, um sie zu bewältigen und uns damit weiterzuentwickeln. Genauso sehe ich das auch.
Wer nur gelassen ist, kann sich nicht mehr empören. Wir brauchen eben manchmal dieses Quäntchen Aggression. Den Biss möchte ich mir einfach bewahren :-)
Und vielleicht ist das überhaupt das richtige Wort: Bewahren - statt festhalten, und Freigeben, statt loslassen.

sissi hat gesagt…

Dein Beitrag dringt tief in mein Innerstes. Ich möchte loslassen....da sind Gedanken, die mich hindern, mich nach vorne zu bewegen, weil Vergangenes mich nicht in die Zukunft blicken lässt.
Nun sinniere ich...
Alles gehört im Leben zu mir, ohne das Vergangene wäre ich nicht die, die ich bin. Sollte ich also Altes bewahren...
nein...doch freigeben, ja....
Ich danke dir sehr für diesen nachdenklich machenden Beitrag ....
liebste Grüße sissi

Lebenskünstler hat gesagt…

Ja, liebe Sissi!
Das Alte bewahren und DOCH loslassen! Es geht dabei immer um ein Verwandeln. Das Alte darf sich erneuern. Das Neue hätte nämlich keinen Bestand ohne die Basis des Alten.
Jetzt bin ich doch wieder philosophisch geworden:-)