Das Drama der Gefühle

In einem Schauspielerleben lernt man mit der Zeit (manche allerdings nie), was der Unterschied ist zwischen echten Gefühlen und künstlich hergestellten. Das genau zu wissen ist für diesen Beruf sehr wichtig, hilft jedoch auch jedem Therapeuten und Menschen, der sich vielleicht etwas mehr Wahrhaftigkeit wünscht.
Die meisten Menschen glauben zu fühlen, wenn sie sich in alte, längst vergangene Themen zurückfallen lassen, da, wo es mal sehr weh getan hat.
Jeder von uns hat irgendwann einmal etwas schlimmes erlebt und dabei gelitten. Das wird gespeichert. Und das wird abgerufen, wenn es nötig ist. Alte Schmerzen und Wunden sind praktische Ausreden, etwas nicht zu können, weil... Auch hat man die Erfahrung gemacht, dass man Mitleid, Aufmerksamkeit und Nachsicht erfährt, wenn man diese alten Schmerzen wieder auffrischt.

Psychotherapeuten suchen ja gern die Ursachen vieler Neurosen und Psychosen in der Kindheit, da wo wir am verletzlichsten waren. Und ja, dort geschehen auch die meisten Wunden und sie sind schlimm. Doch die eigentliche "Krankheit" verbirgt sich in der Tatsache, dass wir den Schmerz und die Wunde nicht loslassen wollen, weil er zu irgendwelchen Zwecken noch brauchbar ist. So lange wir daran festhalten, ist kein Platz für neue echte Gefühle, die dem jetzigen Leben und jetzigen Entwicklungsstand entsprechen. Es nützt uns wenig, immer wieder das Alte aufleben zu lassen, in immer neuen Varianten zu inszenieren, denn letztlich bleibt es künstlich und hindert uns daran, heute und jetzt zu leben. Im Theater langweilen solche künstlichen Gefühle mit der Zeit. Und im Leben langweilen sie ebenfalls die Mitmenschen...

Was also ist zu tun? Alte Schmerzen sind irgendwo im Körper festgehalten. Dort kann man sie bei Bedarf auch aufsuchen, wie man einen alten Requisitenkasten öffnet. Es gibt jedoch einen Platz, wo sie garantiert nicht sind, diese alten, verstaubten, längst nicht mehr zu deinem Leben wirklich dazugehörenden Wunden und Schmerzen. Das ist der Platz in deinem Herzen. Der bleibt frei. Es kann sein, dass es dir die Kehle zuschnürt, dass dein Bauch anfängt weh zu tun, dass die Kniee schlottern, das Herz zwar klopft, aber der Raum im Herzen, der wird erst weit und fängt an zu pulsieren, wenn du echt fühlst.
So wird man spüren, dass echte Trauer eigentlich Liebe ist. Nur dort im Herzen transformiert sich was weh tut. Nur dort kommen wir weiter mit uns und dem, was wir wirklich sind. Wer im Schmerz fühlen kann, wie das Herz weit wird, der wird Heilung erfahren und Befreiung.

Ps: Und das ist ein Prozess, der lange dauert. Und hinter meinen hier geschriebenen Worten steht keinesfalls ein "Stell dich nicht so an!" Einen Schmerz hinter sich lassen kann man erst, wenn man ihn angeschaut und respektiert hat, dass es so war. Aber es muss nicht so bleiben.