Theater(Alb)Träume

Es klingelt. Ich renne, drei Stufen auf einmal nehmend, vom Keller hoch zum Telefon. Völlig außer Atem melde ich mich und höre erstmal nur "Zeitung". Nein, nicht schon wieder so eine Abo-Anwerbung!! Doch hört sich die Stimme der Dame am Apparat anders an, als ich es hierzulande gewohnt bin. Hoppla! Das ist bayerisch!
Aus meinem früheren Wohnort meldet sie sich, sie möchte etwas über das Theater schreiben, das Theater, an dem ich über 10 Jahre engagiert war. Will ich darüber sprechen? Ich sage erstmal nein. Es ist zu lange her. Mit dem Theater habe ich abgeschlossen. Doch dann frage ich nochmal nach. Nicht ganz eindeutig fällt die Antwort aus, aber wie von einer Zeitung zu erwarten, geht es um Kritik am hiesigen Theaterbetrieb.
Warum bin ich damals von dort weggegangen?
Diese Frage beantworte ich immer gern, dient sie doch der Aufklärung:
Theater war für mich der Traum meiner Jugend. Ich wollte Schauspielerin werden, weil mich Sprache interessierte, Kultur, Menschen. Weil ich selbst Figuren zum Leben erwecken wollte.
Als ich aber merkte, dass ein Theaterbetrieb eben nur ein Betrieb ist, dass es immer weniger um Kultur und Bildung ging, dafür mehr um Eitelkeiten und Selbstdarstellung, dass ein Theater in erster Linie Brutstätte für Neid und Eifersucht ist und diese immer mehr auch auf mich abfärbte, sodass ich mich krank und ausgelaugt fühlte, da wusste ich: es ist Zeit zu gehen.
Ein Schauspieler ist sehr oft einfach nur Ausführender. Eigene Ideen sind wenig gefragt. Ich darf mir die Rolle nicht aussuchen, geschweige denn das Stück. Es gibt selten echte Teamarbeit, da Regisseure im Allgemeinen keine Ausbildung darin haben, Menschen zu führen.
Wertschätzung gibt es selten. Dafür aufgesetzte Freundlichkeit, verlogene Versprechungen, um die Spieler bei Laune zu halten. Das ist meine Erfahrung. Ich wollte das nicht mehr. Ich möchte es auch an einem anderen Theater nicht. Ich sehe Kollegen im Fernsehen, die immer das gleiche spielen, nie eine echte Herausforderung erleben, obwohl sie viel mehr können. Rosel Zech zum Beispiel. Doch Geld verdienen läßt sich eben nur mit seichter Unterhaltung, Bespaßung des Publikums. Anspruchsvolles können wir uns wohl nicht mehr leisten.
Ist das wirklich so?
Das Theater sollte eine Bildungsstätte sein, ein Ort der Kreativität und Wahrhaftigkeit. Da wo man Lebendigkeit spürt. Ich wünsche mir ein Theater, das unsere Dichter und Denker zu neuem Leben erweckt, ein Theater, wo man Sprachkunst erleben kann, Vielfalt des Ausdrucks. Wo Menschen gemeinsam etwas schaffen und nicht gegeneinander. Wo Gleichberechtigung herrscht, wo....
Ach ja. Das wünsche ich mir nicht nur fürs Theater. Ich wünsche es mir für alle Menschen, für alle Berufe, für die Welt.
Beim Theater habe ich sehr viel gelernt: Alles was weh tut, alles was Seelenschmerz bedeutet. Ich habe gelernt, was Scham ist. Ich habe gelernt, wie es nicht sein soll. Und es gab auch die schönen Momente. Das sind die, wenn ein einzelner Mensch aus dem Publikum nach der Vorstellung am Bus auf dich wartet und dir sagt, was er empfindet. Das ist ein echter Glücksmoment. Für diesen Menschen hat es sich gelohnt, zu spielen. Ich muss nicht viele erreichen. Aber wenige richtig. Das ist gut.
Das versuche ich heute mit meiner Arbeit.