Im Zwischenraum von Wort und Klang


Manchmal kommt es vor, dass jemand in meinem Kurs ein Lieblingsgedicht nochmal ganz neu entdeckt. 
Dass die Notwendigkeit, das Gedicht laut zu sprechen, plötzlich dringend wird.
Dass man versteht, ganz ohne den Kopf zu bemühen. 
Dass der Klang der Worte genügt, um zu begreifen und Gewissheit zu haben:

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie Luise Kaschnitz