Bloß nicht heilig werden!

Bild mit freundlicher Genehmigung von Andreas Friedrich
Es gibt Menschen, die beeinflussen nachhaltig, hinterlassen Spuren in dir, die du erst viel später wieder entdeckst, vielleicht erst dann, wenn es diesen Menschen gar nicht mehr gibt. Dorothea Gmelin war Leiterin der Schauspielschule, die ich von1984 bis 87 in München besuchte. Ich erfuhr von ihrem Tod kurz vor Weihnachten, im Oktober war sie gestorben. Eigenartig: Die letzten Wochen hatte ich oft von ihr geträumt!
Es waren harte Lehrjahre in dieser kleinen, privaten Schule. Dorothea hatte einen hohen Anspruch und ihrem scharfen Blick, ihrer Dramatik und Leidenschaftlichkeit für die Sache Theater und Schauspiel, konnte man nicht entgehen.
Zu einem Zeitpunkt, wo nur wenige Menschen jemals etwas von Tai Chi, Eutonie oder Feldenkrais gehört hatten, waren das tragende Elemente ihres Unterrichts, wofür sie Leute wie Toyo Kobajashi und Anna Triebel Thome engagierte.
Damals machte mich Tai Chi fast wahnsinnig. Ich verstand nichts davon. Beim Feldenkrais schlief ich ein - jedes Mal! Machte das alles Sinn?
Dorothea Gmelin war vom Sinn dieser Methoden überzeugt. Körperwahrnehmung, Sensitivität, Achtsamkeit (ein Wort, das es damals noch nicht gab) und die entspannte Aufmerksamkeit hielt sie für die wichtigsten Grundlagen des Schauspielens. Wenn wir Schüler uns dann eifrig bemühten, mit geschlossenen Augen gaaaanz tief und viel zu fühlen, dann rief sie uns zu: "Bitte ohne dabei heilig zu werden!"
Was sie wollte war Wahrhaftigkeit, Bodenständigkeit, Gefühle und Ausdrucksweisen, die mit dem gelebten Leben zu tun hatten, mit unserem Menschsein.
Und so war sie selbst nie perfekt und erst recht nicht heilig. Ich habe sie weinen und lachen gesehen. Sie hopste und trommelte wie ein Derwisch durch den großen Saal als damals schon 68jährige, feuerte uns an und brach fast zusammen, wenn unser Spiel einfach nur "furrrchtbarrr" war. Sie konnte toben und rasen, sie war überglücklich, wenn wir es "hinbekamen". Sie mischte sich manchmal in unser Privatleben, dass wir nur noch mit den Augen rollen konnten. Sie war eben sie selbst.Vieles haben wir als Schüler damals angezweifelt.Wir wollten hoch hinaus! Heimlich nahmen wir noch anderweitig Sprechunterricht, weil wir dachten, die Methoden an unserer Schule seien nicht ausreichend.
Merkwürdig finde ich es heute, wenn in meinen eigenen Übungen und Anleitungen Bewegungen aus dem Tai Chi zum Vorschein kommen. Der Körper erinnert sich! Wie von selbst werden die Spuren der sanften Bewegungen wieder lebendig. Vieles aus der Zeit meiner Ausbildung kommt in meiner jetzigen Arbeit noch mehr zum Tragen, als zu meiner Bühnenzeit. Und es geschieht wie von selbst, so, als sei es jetzt erst gereift.
Obwohl wir Schüler damals ihren Schauspielunterricht für antiquiert hielten - immerhin lag es 40 Jahre zurück, dass sie selbst bei den Münchner Kammerspielen gespielt hatte - hatte sie einen guten Spürsinn für neue Strömungen und ließ sie zu, auch wenn es ihr einiges an Toleranz abgefordert haben muss. Nicht selten lag sie mit den übrigen Lehrern und Lehrerinnen im Clinch.

Sie zählt nicht zu jenen drei wichtigsten Lehrerinnen, die ich neulich erwähnt habe, aber sie und ihre Schule sind doch ein wesentlicher Baustein meiner Arbeit heute. Dafür bin ich dankbar und sehr froh.
Mit 92 Jahren hat sie ihr Schauspiel-Studio 2008 geschlossen. Sie starb im Alter von 94 - ohne heilig zu werden!

Kommentare:

Regenfrau hat gesagt…

Bei der Überschrift wurde ich ganz neugierig. ;)
Ja und an solche Menschen erinnert man sich viel eher als ein blasser Abklatsch.
Schöne Geschichte! Danke ;)

RUDHI - Chance hat gesagt…

Sehr bewegender Nachruf, Lebenskünstler; das sind die wahren LehrerInnen, seltene Individualisten, die ihre originellen Lebens-Erfahrungen durch lebendiges Bei-Spiel in die SchülerInnen säen, auch ohne umgehend verstanden zu werden. Solche Menschen allein schon zu verstehen, zeugt von Reife... Du bist auf derselben Spur, spüre ich!