Autorenlesung

Schreiben entlarvt. Mehr als alles andere empfinde ich die Kunst des Schreibens als etwas, das unseren innersten Kern am meisten nach außen trägt.
Wie Autoren es schaffen, ihre eigenen Werke auch noch selbst vorzutragen, ist für mich ein Wunder!
Besonders wenn es sich um Autobiografisches handelt oder Gedichte. Dass Ingeborg Bachmann fast dabei kollabiert ist, verstehe ich sehr gut. Denn es ist ein doppeltes Entblößen. Man muss schon sehr viel Abstand haben zu seinem Werk, oder ausgesprochen selbstverliebt sein, um das einfach so zu können.
Doch wird es vom Verlag verlangt. Autorenlesungen sind wichtig für den Verkauf. Dass der Autor/die Autorin in den meisten Fällen schlecht liest oder viel zu schnell, zu leise oder stotternd, mit Krächzstimme oder völlig monoton, das ist egal. Die Menschen kommen trotzdem. Der Raum ist voll, wenn der Autor einen Namen hat. Das Buch verkauft sich noch besser, wenn die Leser sehen können, dass es ihn wirklich gibt: den Menschen, der das tatsächlich geschrieben hat.
Fragen werden gestellt - es sind wohl immer dieselben auf die er dann mit müdem Lächeln antwortet. Man wartet mit Ungeduld auf die Signierstunde - Handschriftliches macht das Buch wertvoller und beweist: Ich war da!
Schreiben ist etwas, das man allein tut. Das Papier ist eine Art stiller Raum. Aus diesem stillen Raum hinauszutreten auf eine Bühne der Selbstdarstellung, ist viel verlangt. Ich beneide keinen Autor für diese doppelte Selbstentblößung, der er (oder sie) sich aussetzen muss.

Etwas ist mir aufgefallen: Wenn ich vor einer Autorin (ich lese fast nur Bücher von Frauen) stehe, die ich gerne lese, klopft mein Herz so schlimm, dass es fast zerspringt. Das ist nicht erst seit meinem "traumatischen" Erlebnis mit Christa Wolf so. Wir Schauspieler sind auf die Schriftsteller angewiesen. Das geschriebene Wort ausdrücken zu dürfen mit Stimme und Gebärde, Bewegung und Mimik, das ist es wofür und wovon wir leben, wovon wir zehren. Wir brauchen die Schriftsteller - und ich glaube, sie brauchen uns auch!

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Kommentare:

Gabriela hat gesagt…

Oh, das sind spannende Gedanken. Gestern, bei einem Nachtessen mit Freunden, haben wir lange darüber diskutiert, wie sich Musiker und die Musik von Schriftstellern und der geschriebenen Sprache unterscheiden, doch wenn ich dich jetzt lese, habe ich den Eindruck, dass niemand von uns vieren sich wirklich verbinden kann mit jener Welt, die du kennst. Kunst ist so weit.
Oh, ich möchte mich am liebsten verlieren in diesen Welten und spüre den Alltag mich ziehen mit aller Macht, habe ein krankes Kind zu Hause, schmutzige Böden und Wäsche, und innerlich ein aufgewühltes Meer von Gedanken...

Liebe Grüsse

Gabriela

RUDHI - Chance hat gesagt…

Wie wahr, Petra!!

Lebenskünstler hat gesagt…

@Gabriela:
Ich denke, den Musikern geht es ähnlich mit den Komponisten.

Musik drückt auch unglaublich viel aus, genauso wie die Malerei. Aber Sprache ist, glaube ich, entlarvender.

sissi k. hat gesagt…

Ich war vor einigen Tage auf einer Lesung ... die Neugierde trieb mich dahin, zum einen, weil der Autor in Frankfurt lebt, und zum anderen, weil er in seinen Büchern immer mal die Rhön erwähnt und ich mich dann treiben lasse von seinen Gedanken, Geschichten und die Wege mitlaufe, die er beschreibt.
Wie er sich fühlt, wenn er aus seinen Büchern ließt, habe ich dabei nicht überlegt.
Er kam mir routiniert und nicht so richtig lebendig vor. Ich fand, er spult es ab, weil man das so verlangt und dachte nach der Lesung.
Ich tue ihm vielleicht Unrecht.
Es ist sein Job, er will sein Buch verkaufen.
Es ist zu spät dafür, doch nun würde ich ihm einige Fragen stellen, die mir an dem Abend so nicht in den Sinn kamen.
Danke dir, liebe Petra, für deine Gedanken.
Lieben Gruss sissi

Eleonore Rodler hat gesagt…

Schreiben ist ein "einsames Geschäft" sagt man, und mancher verliert dabei den Bezug zur akustischen Sprache, aber für einen Autor/Autorin ist es wichtig, dass er persönliches feedback seiner Leserschaft erhält. Das verleiht ihm ungeheure Energie für seine weitere Schreibarbeit.
Aber da ist natürlich die Angst, den geschriebenen Worten nicht das richtige Gewicht geben zu können,
und natürlich ist es für Verlage wichtig, dass sich das Buch durch eine Lesung gut verkauft. Ob sich der Autor dabei wohl fühlt ist eher nebensächlich. Bei meinen Lesungen habe ich immer das Interesse meiner Zuhörerschaft gespürt, Angst oder Langeweile war, auf beiden Seiten, nie dabei. Es gibt nichts Schöneres, als seine Werke im direkten Kontakt mit interessierten Menschen zu teilen, so sehe ich es ... liebe Grüße
eleonore rodler
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http://members.kabsi.at/eleonorerodler
"Feichtenbach" ISBN 978-3-85167-224-4
"Mussolini in Pfaffstätten" ISBN 78-85167-259-6
"Franz Bueb - Retro" ISBN 978-3-99024-279-7