Das Geheimnis wahrhaftiger Sprache

Das Hebel-Fest in Karlsruhe naht, und ich bin dabei, meinen Vortrag vorzubereiten.
"Wahre Worte finden" - das muss ich jetzt auch. Wie kann ich den Menschen nahe bringen, wie wichtig es ist, die eigenen Ausdrucksmöglichkeiten zu erforschen und sie wie ein Instrument anzuwenden?
Sprache ist nicht einfach ein konstruiertes Wortgefüge, sondern ein Wesen, etwas Lebendiges, wie eine gute Freundin. Die Kraft der Sprache ist unglaublich. Gerade muss ich wieder an eine Person denken, deren Stimme und Sprache mich mitgenommen hat auf eine innere Reise. Dort hat sie mich getroffen und aufgewühlt, hat mich getröstet und besänftigt, war mir nahe und verließ mich wieder. Doch was mir blieb ist diese Erfahrung: Wahre Worte heilen.

So bleibt nun auch Christa Wolfs neues Buch "Stadt der Engel" erstmal neben meinem Bett liegen. Ich hatte nur den ersten Satz gelesen: "Aus allen Himmeln stürzen" und schon träumte ich heftigst von ihr, entschuldigte mich vielmals, dass ich seit unserer Begegnung vor etlichen Jahren bei der Frankfurter Buchmesse kein Buch mehr von ihr lesen konnte, weil sie mich so erschreckt hatte mit nur einer Frage an mich.
Nun war sie aber in meinem Traum eine ganz nette verständnisvolle Christa Wolf, sodass ich schon bald  den Blick ins Buch wagen werde. Ihre Sprache fasziniert mich immer wieder. Es ist nicht leicht, Christa Wolf laut zu lesen. "Selbstversuch", das ich vor Jahren als szenische Lesung vorgetragen habe, war und ist immer wieder eine Herausforderung.

Kommentare:

Schratze hat gesagt…

Nun war ich schon im Begriff, dir auf meine gewohnt besserwissenwollende Art ein "Wozu willst du den Menschen was nahebringen, hast du die ultimative Wahrheit im Angebot?" hinzutippen - da lese ich in einer Wolf-Rezension die Worte "...Ringen um die Wahrhaftigkeit der eigenen Erinnerung..."

Und wie schon oft wird mir bewußt, daß es kaum etwas so grundlegend Wichtiges für's eigene Leben und zugleich kaum etwas so schwer Umzusetzendes gibt IM Leben wie das Zulassen und Ertragen von Wahrhaftigkeit - ganz besonders in Erinnerungen, ganz besonders in den eigenen Rollen, die man darin spielt.

Du hast Recht, Sprache kann lebendig, Worte können magisch sein, sie können ebenso heilen wie vernichten.

Die Vorstellung, jeder könne dies erkennen und "...wie ein Instrument anwenden", wie du schreibst, macht mir allerdings ziemlich viel Angst.

Lebenskünstler hat gesagt…

Nein, Schratze
Ich habe nicht die Wahrheit im Angebot - wie auch? Ich habe nur meine Wahrheit. Mit dieser versuche ich (ja, es bleibt immer nur ein Versuch) anderen einen Weg zu öffnen, ihre eigene Wahrheit zu finden und sie auszudrücken. Mit "Instrument" meine ich nicht eine Waffe, sondern eher ein Musikinstrument. Das spielt nicht, um andere zu überzeugen, das spielt einfach aus Lust und Freude (ok, und manchmal wird es da auch dem Zuhörer zur Qual;-))
In meinem Vortragsmanuskript habe ich u.a. geschrieben: "Das Wesen der Sprache ist einfach. Wahrhaftige Sprache will gar nicht unbedingt überzeugen oder manipulieren. Sprache will nur ausdrücken, ganz im Jetzt sein."
Für Schauspieler ist die Sprache und auch der Körper ein Werkzeug, ein Instrument, wie für den Maler die Farbe und der Pinsel, für den Musiker das Instrument und die Noten.
Ich kann nur aus meinem Metier etwas vermitteln. Wer sich davon angesprochen fühlt, nimmt daran teil oder eben nicht. Es ist alles nur ein Angebot.
Danke für deine Kommentare! Der kritische Biss darin trifft mich immer wieder an der richtigen Stelle :-)