Wo die Wurzeln sind

Am Wochenende saß ich insgesamt 25 Stunden im Zug! Meine Nerven lagen am Schluss blank, als ich um 0:11h in den letzten Bummelzug mit besoffenen Fußballfans stieg.
Verwurzelung war das Thema meiner Körpertherapie-Fortbildung, bei der ich dieses Mal Teilnehmerin war. Und ich war trotz der albtraumhaften Zugfahrt auf der Heimreise froh, dort gewesen zu sein.
Entwurzelt zu sein, das ist auch das Thema des Vortrags, den am Mittwoch hier in Ravensburg Susanne Mehrhoff -Guenther zusammen mit mir halten wird. Die Dichterin Hilde Domin hat diesem Thema viel Ausdruck gegeben und ihre Verwurzelung, bzw. Heimat in der Mitte ihres Lebens in der Sprache wiedergefunden.
Ein schönes Gedicht von Hilde Domin spiegelt etwas wider, das ich so ähnlich am Wochenende im Seminar erlebt habe. Mein eigenes Gedicht dazu, ist mir zu persönlich, deshalb dieses von Hilde:

Windgeschenke
Die Luft ein Archipel
von Duftinseln.
Schwaden von Lindenblüten
und sonnigem Heu,
süß vertraut,
stehen und warten auf mich
als umhüllten mich Tücher,
von lange her
aus sanftem Zuhaus
von der Mutter gewoben.
Ich bin wie im Traum
und kann den Windgeschenken
kaum glauben.
Wolken von Zärtlichkeit
fangen mich ein,
und das Glück beißt
seinen kleinen Zahn
in mein Herz.
(Hilde Domin) 

Und trotz der Windgeschenke, konnte ich die Erde unter den Fußsohlen spüren, egal wie sehr der Boden aufbrach. Das ist wohl das Geheimnis der Verwurzelung: Dass der stärkste Wind uns nicht umhauen kann. Im Gegenteil: wir können alles fliegen lassen, uns durchrütteln lassen, ohne das Geringste zu befürchten.

1 Kommentar:

Wolle Natur Farben Raum hat gesagt…

So ein wunderschönes Gedicht, danke !
LG Anna